KOZÁKY ISTVÁN: A HALÁLTÁNCOK TÖRTÉNETE II. / Bibliotheca Humanitatis Historica - A Magyar Nemzeti Múzeum művelődéstörténeti kiadványai 5. (Budapest, 1944)
Zweiter Abschnitt: Romanische Weltanschauungs-elemente im Totentanz
den „Infernus" führen sollte, aber im Kreuzsiege Christi zu einem heiligen Erlebnis des zweiten absoluten Wertbegriffes wird, des „ewig Schönen", da nur die Gottesliebe alles Irdische besiegen und uns mit der Gottheit vereinigen kann. Auf der anderen Seite, auf der Seite des Makrokosmos, wird vor allem der Sieg Christi über die Hölle mit der Zahl VIII gemeint ; in Christus triumphiert also der dritte absolute Wertbegriff, das „Gute", über das „Böse". Der Sieg Christi über den Infernus äussert sich im Menschen als eine Spiegelung im „Guten Willen": in diesem Sinne bedeutet die Zahl VIII den Sieg Christi über Infernus. Endlich bedeutet die Zahl XII das Universum, den Besitz der Gottheit im soeben erklärten „cubus symphonicus", der ja — ausgebreitet — mit dem Kreuz identisch ist. Die Welt der Zahl XII ist mit der Erkenntnis des vierten absoluten Wertbegriffes identisch, mit der Erkenntnis der „göttlichen Wahrheit und Weisheit", der Phronesis. Als ich in der Interpretation des Bildes soweit geriet, fiel mir vor einigen Monaten plötzlich ein merkwürdiger Umstand auf : an mehreren Stellen der Inschriften des Bildes werden Worte benützt, welche mit denselben Silben beginnen, wie die aus dem St. Johannes-Hymnus gewonnenen Solmisationsnamen der mittelalterlichen Gesangstöne! So z. B. steht ja in der linken oberen Ecke unseres Bildes die Figur der Sonne! Sonne bedeutet lateinisch: „Sol"! Und „Sol" ist zugleich in der C-Dur-Skala der Ton g, sagen wir g 1, — so wie ich es auf der beigelegten Skizze vermerkt habe. Steht dieser Ton g 1 mit der „rechten Seite" des Kreuzes, mit dem Aufstieg der „Vita" in irgendeinem Zusammenhange ? — Dann sehen wir auf der Seite des Todes, in der rechten Ecke des Bildes den Mond, lateinisch „Luna"! Wollte da nicht der Konstrukteur des Bildes irgendein Geheimnis verbergen ? Ich versuchte es, das Wort „Luna" auf diese Weise „musikalisch" zum Ausdruck zu bringen : vielleicht bedeutet „Luna" nach der geheimen Tendenz des Konstrukteurs „Lichanos + una (chorda)"! In diesem Falle wäre das Bild des Mondes und das Wort „Luna" — wie ich dies im ersten Band meiner GTT S. 179 zeigte, — das „kleine f" des mittleren Tetrachords. Denn „Lichanos" in diesem mittleren Tetrachord ist mit dem „kleinen g" identisch, — steht also eine Oktave tiefer, als jenes „Sol" auf der „Lebensseite" des Bildes ! Aber „Lichanos + una chorda" wäre dann das „kleine f' . Die nächste Saite bei g. Nachdem ich diese merkwürdige Entdeckung gemacht hatte, versuchte ich diesen tiefen f-Ton mit den unter dem Querbalken verzeichneten Zahlen in Verbindung zu bringen. Ich nahm an, dass dieses „kleine f", als „tiefster Ton", zu unterst, also in der nach heutigem Begriffe benannten „Bass-Stimme" stehen sollte. So steht eine Quinte höher das c 1, und dieser Ton würde dann der Zahl VIII entsprechen, während das „kleine f" die Zahl XII vertritt. Ob dies möglich ist ? In dem Monogramm für Universum, also im „PLINTESPILON" steht das „TES" in der „Mitte" des Monogramms und verbindet die obere Zeile mit der unteren. Also dieses „TES" ist als ein Ton, u. zw. als der mittlere Ton des „verbindenden" Tetrachords", d. h. als „Trite synémmenön", als „mittlerer Ton des verbindenden Tetrachords", — als b 1 anzunehmen. — Der zwölfte Ton von b 1 ist aber ein „f", wenn auch nicht das „kleine f", aber ohnehin ein „f"! — Nun sehen wir weiter die „musikalische Enträtselung" der Zahlen VI und IV. Wir sind aus dem „kleinen f" ausgehend durch die „Quinte des Makrokosmos" zum c 1 gelangt. Dieser Ton würde nach unseren heutigen Begriffen in der Tenorstimme stehen ! — Zählen wir dann weiter (musikalisch aufgefasst) nach oben, am Bilde nach links, eine Quarte aus, so bekommen wir in einer eventuellen heutigen „Altstimme" (zu jener Zeit gab es nämlich noch keine Vierstimmigkeit nach heutigem Begriffe !) das f l und endlich in der „Sopranstimme" c 2 ! Damit bekamen wir den Grundakkord des ganzen musikalischen Systems auf unserem Kreuzbilde in St. Emmeram ! Ganz richtig nach der Auffassung der Zeit ! Denn es befindet sich hier noch keine „Terz"! Der Unterschied zwischen Seligkeit und Verdammnis, zwischen Mikro- und Makrokosmos war also eine Quarte . . . Aber Christus hat diese „Quarte" durch seinen Kreuztod vertilgt, Mikro- und Makrokosmos, Gott und Mensch flössen ineinander. Das „mystische Erlebnis" der „Seligkeit in Christus" besteht also — musikalisch ausgedrückt ! — aus zwei ineinander fliessenden Quinten ! In unserem Falle muss sich also auf dem Bilde zu St. Emmeram irgendeine Anweisung finden, welche zu einer Enträtselung der Mystik dieser Darstellung führen könnte ! Auch soviel würde für die Philosophie der Musik eine grosse Errungenschaft bedeuten, wenn man sagen könnte, dass die Vierstimmigkeit der späteren Zeiten aus dieser Zahlenspielerei der Mystiker entstand ! Denn es ist ja ein wundervoller Gedanke, dass die „Vernunft", der „Verstand" der ganzen „Vierstimmigkeit" die Bass-Stimme sei . . . Und dies stimmt auch, denn die Bass-Stimme ist es ja, welche gerade mit Zahlen versehen werden kann, wobei die Zahlen die ganze Konstruktion der übrigen drei Oberstimmen verraten. Ganz richtig, wenn wir die Bassstimme mit dem menschlichen Verstand vergleichen. Der Bass gibt ja dem ganzen vierstimmigen Satz den „richtigen Sinn"! Nun ist aber die Tenorstimme der „menschliche Wille" und entspricht dem absoluten Wertbegriff des „absolut Guten", sie bringt ja das „Männliche" in der Musik zum Ausdruck. Die Altstimme ? Ist sie mit ihrem weichen Ton, mit ihrer traurigen, tragischen Stimmung nicht ein Ausdruck „irdischer Liebe" (Tristan und Isolde ! die herrlichen ViolaStimmen bei Wagner !). Sie verschafft der „menschlichen Gefühlswelt" eine ebensolche