KOZÁKY ISTVÁN: A HALÁLTÁNCOK TÖRTÉNETE II. / Bibliotheca Humanitatis Historica - A Magyar Nemzeti Múzeum művelődéstörténeti kiadványai 5. (Budapest, 1944)

IV. Das Vadomori

- 194 — wie ein Pan'charakterisiert wird. Paniherieile decken sei­nen „hässlich gefärbten Körper ', er bläst „mit kalten Lip­pen" die „fistula", die Panflöte (Vs. 5—7). Der Name : Pseustis, „Lüge". Es ist hier unmöglich nicht daran zu denken, dass wir es hier mit der „Satyrgestalt" des Teu­fels zu tun haben, der doch „ein Lügner isl seit Uranfang" . Und der hässlich gefärbte, fahle Körper. — ist das nicht der Körper des Satyrteufels, durch den ja auch der Tod personifiziert wurde ?' Und er steht hier durch sein Spiel auf der Panflöte ebenso mit der Musik in Verbindung, wie der Oxforder Satyr-Tod durch die aus musikalischen Zahlenverhältnissen zusammengestellten Geheimzahlen auf dem Schriftbande in seinen Händen. Und dieser Pan-Satyr­Tod der Theodul'schen Ekloge ist ein Hirte, wie es auch der Tod 3 ist. der die Seelen, wie ein Hirte, in die Unter­welt treibt. Der „Hirte der Lüge", Pseustis, befindet sich auf der einen Seite „einer Quelle", — wie es uns weiter das Gedicht Vs. 8 erzählt, und zu dieser „Quelle" kommt auch die „Hirtin" Alithia, die „Wahrheit", sie weidet ebenfalls dort ihre Schafe. Sie ist die „göttliche Wahr­heit", oder „christliche Wahrheit" , gegenüber der „heid­nischen Lüge". Sie ist eine „Virgo decora nimis", „aus dem Samen Davids " stammend. 1st aber keine „Jüdin", wie es Vollmer in seiner Abhandlung S. 323 Anm. 1 meint, wenn sie auch im Laufe des Gedichtes scheinbar nur „alttesfamentliche Geschichten" erzählt. Denn er­stens beziehen sich diese Geschichten aus dem Alten Testament immer auf die Heilgeschichte des Neuen Te­staments, ja auf die christliche Kirche, und sie ist auch die .,Ecclesia " in eigener Person, d. h. das "Leben mit Chri­stus", sie ist also das Gegenstück zu dem teuflischen Satyr-Tod ! Auch sie hält in ihren Händen ein Instrument, die Kythara. Es ist die Kythara Davids, wie es der Text Vs. 9—10 ausdrücklich betont, und auch sie „spielt" auf ihrem Instrument auf der anderen Seite der „Wellen des Flusses". In Alithia erscheint also die Ecclesia der Streit­gedichte zwischen „Synagoge und Ecclesia" oder zwi­schen „Tod und Leben". Wenn also diese Eigenschaft einer Ecclesia nach Vs. 330 ff. immer mehr zum Vor­schein kommt, so hat freilich der Dichterdas „Judentum" der Alithia nicht „vergessen", — wie dies Vollmer glaubt, — sondern wollte damit absichtlich die „Ecclesia" mehr hervorheben. Die Alithia als die Vertreterin des Juden­tums aufzufassen wäre schon deswegen unkonsequent, weil doch das Judentum seit dem frühesten Mittelalter immer als das „lügnerische Judentum", also als „Syna­goge" personifiziert wurde und weil doch die Alithia un­seres Gedichtes zum Schluss das „grössfe Geheimnis" der mittelalterlichen mystischen Christologie verkündet, was im Munde der Synagoge garnicht möglich wäre ! Alithia spielt ihr Saitenspiel so schön, dass der Bach seinen Lauf hemmt, die Schafe der Weide vergessen und verzückt lauschen Pseustis aber ärgert sich und fordert Alithia zu einem Wettkampf heraus. Der Kampfpreis sollen die beiderseitigen Instrumente sein. Pseustis also begehrt den Besitz der Kythara seiner tugendhaften Geg­nerin, u. zw. wegen der wundertätigen Wirkung der Töne dieses Instruments ! D a s ist also die Ursache des Streites! Die „Lüge", der teuflische Satyr-Tod, möchte sich der Wunderlyra der Ecclesia bemächtigen, um über die Natur dieselbe Macht zu gewinnen, welche Alithia durch ihr Saitenspiel besass ! Wir sehen, dass für uns dieses Gedicht eine un­gemein sensationelle Bedeutung haben kann, wenn sich auch noch weitere Verbindungselemente mit der mystisch­musikalischen Weltanschauung des Mittelalters und mit den geheimnissvollen Vorstellungen der Klosterleute über Leben und Tod und somit auch mit dem eigenartigen Zusammenhang des Todesgedankens mit dem Tanzbe­griff im Rahmen der Todes- und Toten-Tänze ergeben ! Alithia erklärt auf den Wunsch der „Lüge", um den Preis der Instrumente einen Wettkampf zu veranstal­ten, dass sie nur vor irgendeinem Zeugen zu streiten be­reit sei, damit sich die „Lüge" nachher, wenn sie schon besiegt wurde, nicht mit einem falsch vorgetäuschten Siege rühme. Nun kommt plötzlich noch eine „Hirtin" her­1 Vgl. GTT Bd. 1. das Bild in der Oxforder Hand­schrift Tafel IV. Fig. 3. vgl. hier S. 56. Abb. 8. 2 Psalm 48, Vs. 15, vgl. GTT Bd. I. S. 110. bei, die Fronesis, die „göttliche Weisheit" . Dass sie jene Phronesis des Martianus Capeila bedeuten soll, verrät uns der Dichter, wenn er sie Vs. 30 „mater Fronesis " nennt. Diese soll die Schiedsrichterin im Streite sein. Sie wird zwar von "ihren Eltern" erwartet, aber sie will gern ihre Schelle auf sich nehmen, wenn sie zuvor einem so interessanten Kampfe beiwohnen kann. Die Fronesis schreibt für den Dichterkampf vierzeilige Strophen vor, weil doch die "Vier" die „pgthagoräische Zahl" sei ! Die Vierzahl war ja die vollkommene Zahl der Gottheit, das isl richtig, aber sie ist auch die Zahl der „Mors" auf dem Schema des Evangeliars der Nonnenäbtissin Uta ! Und mit dieser „Vierzahl" in den Versen soll nun Pseu­stis den Kampf beginnen, — weil er ein Mann sei ! (vgl. Vs. 34—36). Wieder verrät uns also das Gedicht einen ge­heimen Zusammenhang des Dialogs mit der mystischen Zahlenwissenschaft und mit jenen geheimnisvollen Zahlen, die im Mittelalter den Tod zu bedeuten hatten. Auch im weiteren möchte ich der Inhaltsangabe Vollmers, — teilweise auch wörtlich, — folgen . . . Pseustis beginnt seinen Gesang mit einer Verherr­lichung des goldenen Zeitalters. Der Begriff des stufen­weise fortschreitenden Lebens des Einzelnen und der gan­zen Menschheit leitet also nach der Einleitung des Ge­dichtes (Vs. 1—36) die 38 Strophen-, bzw. Dialogpaare des eigentlichen Wettstreites ein. Saturnus, aus Creta her­vorgehend, brachte der Welt das goldene Zeitalter. Ohne Erzeuger ist er selbst der Stammvater des Göttergeschlechts. Pseustis also stellt jedesmal eine These aus dem Kreise der Weltanschauung der antiken Mythologie auf und Alithia bringt dann immer eine Antithese aus dem Kreise des Alten Testaments, d. h. eigentlich aus der „christli­chen Heilsgeschichte" seit Uranfang. These und Antithese beherrschen also das ganze Werk, in welchem Verhält­nisse auch die Hexameter und Pentameter der Vadomori­distichen zueinander stehen. Auch diese Eigenschaft des Dialogs mag die Ursache gewesen sein, warum der Schrei­ber der Berner Handschrift knapp nach unserem Streitge­dichte ein Vadomori folgen liess. Alithia antwortet auf das Bild des „goldenen Zeitalters" mit dem Paradiesbilde, Während aber Saturnus der Stammvater der Götter ge­wesen sein soll, wurde der „Stammvater der Menschheit", von seinem Eheweibe überredet, durch das „Schlangen­gift" betört, indem er das „Schlangengift" trank, bereitete er sich und allen Menschen die „pocula Mortis", die „Kelche des Todes", und es fühlen die Nachkommen, was ihre Eltern verbrachen... Das soll also die „sieghafte Antwort" der Alithia sein ? Worin besiegt sie hier den Gegner ? Sie spricht ja von Unglück, während der Geg­ner über das „goldene Zeilalter" und seinen Sieg sang ! Die „Wahrheit" siegt vor allem durch die „wahrhaftige Tatsache", dass es auf Erden kein Paradies mehr gebe, dass der Mensch das Paradies verloren habe, u. zw. wisse die „Alithia" es recht wohl, wer die Schuld dran war? Wer? — Ihr Gegner selbst! Der „Lügner seit Anbeginn"! Und auch der „Mörder seit Anbeginn"! 1 — Nun freilich muss sich ja Pseustis „betroffen" fühlen, . .. und erzählt im zweiten Strophenpaar, dass Juppiter seinen Vater vom Throne stürzte, damit führteer das silberne Zeitalter herauf. Als wollte er sich damit entschuldigen, dass Juppiter den eigenen Vater stürzte, währendessen e r nur die Mensch­heit in den Schlund des Todes stiess. Aber in dieser „sil­bernfarbigen Welt" erwählten nun die Götter den Juppi­ter zum König. Als wollte er damit sagen : Warum dürfte i c h nicht der sieghafte König in der von der silberblei­chen Farbe des Todes beherrschten Welt sein ? Denn die silberne Farbe bedeutet ja das Mondlicht, das bleiche Licht des Todes, wie ja auch die Todessichel und die Mondsichel miteinander verwandt sind ! In der Antwort hebt Alithia den kläglichen Zustand der „frommen Urel­tern" hervor, die aus ihrer paradiesischen Heimat vertrie­ben, vom Sitze des ewigen Lebens entthront, die „Ehre" der Natur verkehren, und da sie selbst nur aus Staub sind, verwandeln sie alles in Staub (dieses „cinis in ci­nerem" kommt auch im Vadomori vor !). Damit „wir" (Alithia sagt es so ! — sie ist also zugleich der zusam-í menfassende Begriff der „Menschheit", sie ist das „Leben", d. h. „Everyman"!) aber durch die Frucht des ewigen 1 Vgl. GTT Bd. I. S. 106.

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