KOZÁKY ISTVÁN: A HALÁLTÁNCOK TÖRTÉNETE II. / Bibliotheca Humanitatis Historica - A Magyar Nemzeti Múzeum művelődéstörténeti kiadványai 5. (Budapest, 1944)

IV. Das Vadomori

Nun wird das Material der einzelnen Sagen und auch der Beispiele aus dem Alten Testa­ment so geordnet, dass sich daraus, — wie in einem Katechismus, —- die Vorgänge des Al­ten Testaments in chronologischer Ordnung er­geben sollen. Und dieser Zug des Gedichtes, sowie auch jener Umstand, dass die Geschlechts­sachen immer mit sehr grosser Vorsicht behan­delt werden, Hess schon die meisten Heraus­geber des Textes vermuten, dass das Werk zum Schulgebrauch bestimmt war. Daher die schrecklich grosse Verbreitung der Handschrif­ten des Gedichtes, — Osternacher zählt 24 Handschriften auf, die er bei der Textausgabe berücksichtigt hatte, dann weitere 97 Hand­schriften, deren Text er nicht sah, und weiter nennt er noch 54 Druckausgaben des Werkes I Dann wurde aber das Gedicht auch sehr häu­fig kommentiert. Der verbreitetste Kommentar, derjenige des Bernhard Sylvester von Utrecht aus dem XII. Jahrhundert, dessen Schluss sich auch in der erwähnten Berner Handschrift vor dem Vadomori befindet, war sicherlich zum Schulgebrauch bestimmt, denn der Kommenta­tor Bernhard schrieb es selbst an den Bischof Konrad von Utrecht, dass man sich dessen beim Unterricht bedienen soll, und in den Gründungsurkunden der ersten Breslauer Stadt­schule bei St. Magdalenen vom Jahre 1267 schreibt man vor, dass die Knaben an dieser Schule unter anderem den Donat, Cato, Theodul und die regulae pueriles treiben sollen. 1 Wenn man nun auf die bewegte und tra­gische Lebensgeschichte des Mönches Gottschalk von Orbais zurückblickt, so lassen sich in sei­nen Lebensschicksalen Motive entdecken, wel­che seine Gestalt derjenigen des Dichters der „Ecloga Theoduli" sehr nahe bringen. Schon in seiner Jugend zeigt es sich, dass er hochbegabt, aber zügellos ist. Er folgte dem Willen seiner Eltern, als er in Fulda Oblate wurde. Musste sich bald eingestehen, dass er zum geistlichen Stande wenig Beruf hat. Um 829 flüchtete er sich aus Fulda, aber seinem Abt, Hrabanus Maurus, gelang es, ihn dazu zu bewegen, dass er sich ins Kloster zu Orbais, in der Diözese Soissons, zurückziehe. Dort befasste er sich mit wissenschaftlichen Arbeiten, die ihm ausser der Lehrertätigkeit einigermassen Trost einzu­flössen schien. Wenn Gottschalk de"r Verfasser und Dichter der „Ecloga Theoduli" ist, so mag es diese Zeit gewesen sein, als er das Werk seinen eigenen Schülern vorgelegt hatte, um sie in die Geheimnisse der biblischen Geschichten und der altklassischen Mythologie gleichzeitig einzuführen. Gottschalk lebt als Mönch eigentlich in derselben Kultursphäre, wie ein Notker. Vers 334 beruft er sich in sei­nem Gedichte auf Martianus Capeila. Seine Probleme sind also dieselben, wie Notkers. Er lässt neben der „Lüge", d. h. dem „Hirten" Pseustis, und ausser der „Wahrheit", d. h. Ali­1 Vgl. Vollmer, a. a. 0. S. 330. thia auch die „Phronesis", die „Weisheit" auf­treten. Und wir wissen ja, dass Phronesis in der schon besprochenen Schrift des Martianus Capeila (vgl. oben S. 65 ff.) die Mutter der mit Merkur vermählten „Philologia" ist. 2 Osterna­cher nennt zwar das Gedicht Theoduls ein apo­logetisch-didaktisch-allegorisches Werk, — aber es ist einfach ein „Streitgedicht" , dessen eigent­lichen Grundgedanken ich später im Zusammen­hange mit den Streitgedichten 's. weiter unten im Abschnitt über die Streitgedichte) nochmals besprechen möchte. Und Theodulos ahmte nicht nur die „Streitgedichte" der klassischen Dichter nach, insofern er dadurch der Mode seiner eigenen Zeit und besonders der Kultursphäre Notkers entsprechen wollte, sondern wählte sich auch Ovid und Vergil zu Mustern. Voll­mer weist 6 auf die Ähnlichkeit mit Theokrits fünftem Idyll und mit der dritten Ekloge Ver­gils hin. Gottschalk zitiert Vs. 288 auch den Ennius und das Distichon, auf welches Beck in seiner Theodulos-Ausgabe aufmerksam macht, steht auch bei Martianus Capeila. 4 Und es ist ja bekannt, dass dem Ennius auch ein Streit­gedicht zwischen „Tod" und „Leben" zuge­schrieben wird. Nicht unmöglich, dass also Gottschalk bei der Ausarbeitung seiner Ekloge auch an dieses Ennianische Todesgedicht ge­dacht hatte, — was für uns später in der einge­henden Untersuchung seines Gedichtes sehr gros­se Bedeutung gewinnen kann ! Und schon jetzt möchte ich noch jenen Umstand betonen, dass doch auch Martianus Capeila seit dem frühesten Mittelalter und besonders zur Zeit der „Poetae Carolini"" als ein sehr beliebtes Schulbuch be­nützt und in ganz Europa überaus verbreitet wurde. Und im Streitgedichte Theoduls werden auch jene „Geheimwissenschaften" erwähnt (Vs. 317 ff.), welche auch bei Martianus Capeila vorkommen und von mir schon erörtert wurden, ja, es gibt noch einen weitgehenderen Zusam­menhang, — den ich aber erst später, weiter unten erklären will ! Wo bleibt aber da der Zusammenhang mit dem Leben des Gottschalk von Orbais ? Vor allem also besteht ein kultureller Zusam­menhang. Dieselben Probleme, geheimnisvolle Zahlenwissenschaft und naiver Glaube an einen mystischen Einfluss des Sternenhimmels, also an eine Art Prädestination, — sind bei Mar­tianus Capella, bei Notker und nun auch zu­letzt bei dem geheimnissvollen „Theodulos" gleich ! Ja, gewisse pädagogischen Ziele finden sich bei diesem „Theodulos" geradeso wie bei Notker ! Wenn also Gottschalk während seiner Lehrertätigkeit dieselben Ziele vor Augen hatte, wie die übrigen Klosterlehrer seiner Zeit, so ist seine „Ekloge", dieses merkwürdige Streitge­2 „Hochzeit der Philolologie" § 114. 217.893: ed. Kopp 1836. 3 § 329 4 § 42, vgl. Vollmer S. 330. 6 Vgl. Traube, Poetae Carolini III 711 und Winter­feld a. a. 0. S. 486.

Next

/
Thumbnails
Contents