KOZÁKY ISTVÁN: A HALÁLTÁNCOK TÖRTÉNETE II. / Bibliotheca Humanitatis Historica - A Magyar Nemzeti Múzeum művelődéstörténeti kiadványai 5. (Budapest, 1944)
III. Volkstümlich esoterische Vorbereitung derVadomorigedichte
weiter ,papare" usw.). Wenn plso Orpheus in der zitierten Stelle das „letzte Haus" erwähnt, so ist das noch eine Reminiszenz aus dem urmenschlichen Begriff vom „überirdischen Seelenweg". Dabei sind die Worte des Orpheus schon eine Art Prototyp für die Vadomorimonologe, welcher also sogar bei Ovidius noch mit der „Seelenleiter" in Verbindung steht. Zugleich betont aber Orpheus auch die „Reihe", das „Reihenartige" der auf dem „überirdischen Seelenweg" dahinwallenden Menschheit, wobei die „Götter der Unterwelt" zugleich in „Todesgötter" verwandelt werden, die einen jeden Menschen „nach sich ziehen", wie ein Toter, ein „Nachzehrer". Im ersten Bande meiner GTT habe ich es auch an mehreren Stellen gezeigt, dass man in den ersten christlichen Jahrhunderten die altklassisch-heidnischen Götter für „Tote" gehalten hatte ! — Diesen kulturgeschichtlichen Tatsachen entspricht also Hilschers Ansicht, welche er S. 7 der Originalausgabe seiner über den Dresdener Totentanz geschriebenen Totentanzstudie verkündet, dass der „Totentanz " eigentlich „chorea mortalium", d. h. ein „Tanz der Sterblichen" genannt werden sollte, in welchem jene Standesreihe zur grössten Rolle kommt, welche wir schon aus den „Totengesprächen" des Lukianos recht wohl kennen. 1 Philosophen, Reiche, Schöne, Starke Armen, die bei Lukianos schon mit der „Skelettgestalt" vereinigt werden, sind dort schon primitive Ansätze zu der späteren „Standesreihe" der Vadomorigedichte. 2 Und betrachten wir dann nur die von mir schon im ersten Band meiner GTT besprochene „etruskische Standesreihe ! 3 Die „Unterweltstore", welche ja Silius Italicus ausdrücklich namhaft macht 1, und somit schon die Vorstellung von den späteren „Vadomorireihen" zum Ausdruck bringt, sind zugleich auch Sprossen der „Seelenleiter", 5 deren orientalische Form die Gnostiker im Abendlande verbreiteten. 6 Sind die Vorstellungen von einer „Seelenleiter" tatsächlich Vorläufer der Vadomoriidee ? Man lese einmal die „Sprüche der Seele" beim Passieren der Vollkommenheitsgrade auf der Seelenleiter bei Celsus, wie ich sie im ersten Band meiner GTT S. 198a ff. mitgeteilt habe. Beobachte man, wie diese Sprüche mit dem Begriff der „Torhüterdämonen" und mit den „rettenden Symbolen" (darunter „Leiche" und „Lebensbaum"!) zusammenhängen ;'man möge sich die geschichtliche Tatsache recht klar vor Augen halten, dass es gerade die gnostischen Valentinianer waren, nach deren Anschauung sich die Seelen aus der Herrschaft der „TorhüterArchonten" durch Hymnen retten Hessen, man 1 GTT Bd. I. S. 53ab. 2 GTT Bd. 1. S. 79b. 3 GTT Bd. I. S. 73b. 4 GTT Bd. 1. S. 74a. 3 GTT Bd. I. S. 189 ff. 0 GTT Bd. I. S. 51b 7 GTT Bd. I. S. 189b. möge nur diese „Seelenhymnen", diese gnostischen „Seelen-Zaubermonologe" durchlesen, welche uns Iräneus 8 in der Form von „Zaubersprüchen" zitiert, man möge sich daran erinnern, dass in der apokryphen História Josephi diese Torwächterdämonen und ihre Abwehr 1' wirklich christianisiert wurden und dass die gnostischen Hymnen, welche die Seele bei der Himmelswanderung singen sollte, sicherlich auch mit Tanz verbunden waren, 1 0 — so wird man einsehen können, dass diese Begriffe im esoterischen Volksglauben der unteren Volksschichten des christlichen Mittelalters in einer Art von „Vadomorimonologen" unbedigt weiterleben mussten, wenn einmal alle jene Kuriositäten, welche ich über die mittelalterlich-christliche Weltanschauung mitgeteilt habe, im Mittelalter tatsächlich eine so tiefgreifende Tradition waren. Diese Tradition konnte leicht „christianisiert" werden. Man musste sich nur an die Standesaufzählung im Buche Job, an jene, die auf den Tod umsonst warten, 1 1 erinnern, 1 2 man musste nur die orientalischen Motive auf die „Pforten der Unterwelt" bei Ezechias übertragen, 1 3 — und es entstand der Vadomoribegriff ganz unbemerkt und von selber ! Die Psalmen wurden von der Geistlichkeit, ja sogar von den Laien, tagtäglich gebetet und gesungen . . . Man musste einfach das „Memento mori" im 90. Psalm 14 und die Aussage des neunten Psalms von den „Pforten des Todes", aus deren Herrschaft Gott die Seele befreien soll, 1 5 mit der Standesreihe im 48 Psalm, 1 6 wo Weise und Toren, Reiche und Armen einander gegenübergestellt werden (wie im Vadomori !), verbinden, man musste einfach jene orientalischen Vorstellungen vom „überirdischen Seelenwege" mit dem Standesunterschied, den die hl. Schrift betont, vermengen, 1 7 — so war der erste Ansatz zum Vadomori fertig ! Nicht die offizielle Kirche hat dabei anfänglich ihr Möglichstes getan, sondern ein „esotorischer Volksglaube", — eigentlich ein von der Laientheologie unterstützter Aberglaube, — der im Volke eher verstanden und im Geheimen begeisterter gefördert wurde, als die offiziellen Dogmen der Kirche. Wenn man die Entstehung der Totentänze verstehen will, so ist dies das Wesentliche : man muss die offizielle Lehre der Kirche, an welche zu glauben für eine allgemeine Pflicht des Christen gilt, von den „esoterisch-abergläubischen" Vorstellungen des einfachen Volkes ganz entschieden trennen ! 8 GTT Bd. 1. S. 193ab und schon S. 190b, S. 50a, 51a 9 GTT Bd. I. S. 94b. 1 0 GTT Bd. I. S. 192b —193a. 1 1 Vgl. dieselbe Einteilung im Vadomori und auf den Gesamtlegendenbildern in Subiaco und Pisa ! 1 2 GTT Bd. 1. S. 71a. 1 3 GT T Bd I. S. 80a. 1 4 Vgl. Freybe, a. a. 0. S. 5-6. 1 5 Ps. 9s3 : „Qui exaltas me de portis mortis . . ." 1 3 GTT Bd. I. S. 110a. 1 7 GTT Bd. 1. S. 109b.