KOZÁKY ISTVÁN: A HALÁLTÁNCOK TÖRTÉNETE II. / Bibliotheca Humanitatis Historica - A Magyar Nemzeti Múzeum művelődéstörténeti kiadványai 5. (Budapest, 1944)

III. Volkstümlich esoterische Vorbereitung derVadomorigedichte

- 160 — frain „ Mors est a tergo" und das andere mit dem Kehrreim „Flere volo". Das erste Gedicht befindet sich in der Münchener Hschr. Cod. Mo­nac. lat. 3437, anno 1413, fol. 304. Die Verszei­len beginnen immer mit dem Refrain „Mors est a tergo" und enden mit dem Reim „ergo" : „Mors est a tergo : sie cautus quilibet ergo. Mors est a tergo : pacem presul velis ergo..." etc. Das zweite Gedicht ist ein Jammerruf der Seele, welche ihre Sünden in der Vadomori­Versform beweint. Der Titel : „Planctus animae contritae et compatientis. Versibus paractericis". Veröffentlicht wurde der Text bei Dreues, in den Analect. hymn. Bd. XU, S. 165—166, Nr. 4/V. Appendix. Metra. Dreves teilt hier eine Reihe von Gedichten mit, welche sich in den Handschrif­ten 137 (C), 143 (D), 144 (A) und 145 (B) des Zisterzienserstifes von Lilienfeld befinden und den Mönch Christian von Lilienfeld teilweise auch zum Verfasser haben (t vor 1332). Unser „Planctus" mit dem Kehrreim „Flere volo" 1 be­ginnt : „Flere volo, me flere iuvat, volo nil nisi flere, Absque modo flere gestio, flere volo. Schluss : „Flere volo, reprobos sequitur conclusio duplex, Corporis ac animae mors, ego flere volo." (Zusammen 50 Verszeilen). Wir gaben hier die „Vorgeschichte" der „Vadomoriform" . Nun möchte ich zeigen, dass diese eigenartige Form mit dem immer wieder­kehrenden Refrain auch volkstümlich esoterische Grundlagen haben musste. III. Volkstümlich esoterische Vorbereitung der Vadomorigedichte 1. Alteste Zeugnisse Ganz merkwürdig ist es, welche Eigenhei­ten der Vadomoriform, durch einen eigenartigen Zufall entdeckt, auch ein altägyptisches Betrach­tungswerk aufweist. Ich denke an das „Gespräch eines Lebensmüden mit seiner Seele", welches Dr. Adolf Erman aus dem Papyrus Nr. 3024 (aus der Zeit etwa 2000 vor Christus) der Ber­liner „Königlichen Museen" im 2. Hefte der „Abhandlungen der Königlichen Akademie der Wissenschaften zu Berlin" 1896 veröffentlicht und inhaltlich erklärt. Dieses „Gespräch des Lebensmüden" ist ein Ge­dicht, das aus LV. Sätzen oder Strophen besteht. Der Lebensmüde, ein sanftmütiger Mann, der nicht einer der Frechen ist, denen alles glückt (XXXI), geriet ins Unglück, und als er von schwerer Krankheit befallen war (XXXV), verhessen ihn Brüder und Freunde schändlich und un­treu (XXIX, XXXV, XXXVlIi) ; so im Stiche gelassen wurde er von allen vergessen, man beraubte ihn sogar (XXX. XXXIX), man verurteilte ihn unrecht (VII) und so ward sein Name vor aller Welt zum Abscheu (XXI — XXVIII). Nun betrachtet aber dieser Unglückliche seine Seele, dem altägyptischen Glauben entsprechend, als ein selbständiges Wesen, das seinem Herrn auch bei Leb­zeiten entrinnen kann ; daher stellt er seine Seele sich gegenüber und spricht sie mit der seltsamen Bitte an, ihm den Einzug in den „Westen", also in das Totenreich zu erleichtern. Sein grosses Problem ist, dass seinem Körper, — wenn er dieses Leben verlässt, — niemand die letzte und nötige Ehre erweisen wird, da er doch keine Hinter­bliebenen hat, die an seinem Sarge stehen und den nöti­gen Zeremonien beiwohnen würden. Die Seele aber will noch nicht in den „Westen" einkehren, sie will noch auf dieser Welt bleiben und rät dem Unglücklichen, seinen Körper zu verbrennen und seine Seele auf diese Weise „freizugeben". Der Unglückliche beklagt sich vor allen Menschen, dass ihm nun sogar seine Seele untreu ist. denn sie Iässt sich durch die Sehnsucht zum Irdischen noch auf diese Welt fesseln. Dann wendet er sich wieder an die Seele (IV —VII) und beschreibt ihr die Herrlichkei­1 Vgl. die Hschrten : Cod. Lilienfeld. 145, fol. 212a; cod. 137, fol. 204a; Collect, ms. Campoliiiense saec. XIV. in Cod. Campolilien. 40. E. ten der Überwelt, wo Thoth, der Befriediger der Götter, ihn richten, Chons, der wahrhaftige Schreiber, ihn ver­nehmen, Re ihn anhören, Isdes ihn verteidigen werde, — denn die Götter sind nicht so hartherzig wie die Menschen. Dann ersucht der Unglückliche seine Seele, dass sie die fehlenden Hinterbliebenen bei seinem Grabe vertreten möge und an ihrer Stelle am Grabe erscheinen und den Zeremonien beiwohnen soll, damit er in den „Westen" so einkehren könne, wie derjenige, der in seiner Pyramide ruht und der von den Seinigen begraben wurde (X). Er sagt seiner Seele : Sei so freundlich, meine Seele und mein Bruder, und werde mein Bestatter, der da opfern wird und der an der Bahre stehen wird am Tage des Begräbnisses, damit er mir das Bett des Friedhofes bereite (XII). Aber die Seele sucht noch immer einen Ausweg, sie überredet ihren Herrn, dass sogar die schönsten Be­gräbnisstätten vergänglich sind und keinen Wert haben : Wenn du des Begräbnisses gedenkst — das ist Trauer ; das ist, was Thränen bringt und den Menschen betrübt macht ; das ist. was den Menschen aus seinem Hause reisst und ihn auf den Hügel wirft. Nie wirst du wieder hinauf kommen, um die Sonne zu sehen (XIV). Die da aus Granit bauten, die ihr Grab als Pyramide errichteten, ihre Opfersteine sind ebenso leer, an sie denkt ebenso niemand mehr, wie an die Lebensmüden, die am Ufer­damm sterben ohne Hinterbliebenen. Die Seele gibt dem Lebensmüden den Rat (XV —XVI) : Höre auf zu weinen, folge dem Vergnügen, vergiss die Sorge ! Nach diesen leichtsinnigen Worten der Seele folgt nun der interessanteste Teil des lehrhaften Gedichtes (Str. XXI —LIV), wo der Verfasser erst eine lange Reihe von Sätzen aneinanderfügt, welche er durch den Refrain „Zu wem spreche ich heute?" charakterisiert (bis XLIV). Dann folgen Sätze mit der Sehnsucht nach dem Tode, welche wieder mit dem Refrain „Der Tod steht heute vor mir, ..." geschmückt werden. Besonders an diesen Teil erinnert die Form unseres späteren Vadomorigedichtes (bis L). Dann schliesst der Dichter das Gedicht mit der Darstel­lung der Überwelt. Sein Refrain lautet jetzt : „Wer dort ist, wird ja ..." Schon der bisher besprochene Teil des Gedichtes enthält sehr interessante Motive : die Nichtigkeit der vor­nehmen Begräbnisse, den „carpe diem"-Rat und die Gestalt der Seele, welche an dem Begräbnisse steht. — wie dies dann später auch in den mittelalterlichen Gedich­ten der Altercatio animae et corporis der Fall ist, wo sich also in diesem mittelalterlichen Zug einer Jenseitsvi­sion alte orientalische Vorstellungen verbergen. *

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