KOZÁKY ISTVÁN: A HALÁLTÁNCOK TÖRTÉNETE II. / Bibliotheca Humanitatis Historica - A Magyar Nemzeti Múzeum művelődéstörténeti kiadványai 5. (Budapest, 1944)
I. Die „Contemptus-Mundi"-Literatur
- 129 — Quae tibi gloria ? quae tibi gratia ? quae tibi doni ? Non tibi gloria ; non tibi gratia, quae Salomoni. Est tibi regia magnificentia, prole Philippi ; Non eris altior, at meritis minor hoc quoque scribi". Und auch dieses Thema der „Die, ubi sunt"?Literatur verbindet Bernhardus ausdrücklich mit dem Motiv des Lebensrades. Wie ein Rad, mit Kraft in Bewegung gesetzt, so sind die irdischen Grössen, wie Nabugodonosor, Darius, Cyrus, Caesar usw. dahingestorben (S. 37) : „Est ubi gloria nunc Babylonia ? nunc ubi dirus Nabugodonosor ? et Darii vigor ? illeque Cyrus ? Qualiter orbita viribus incita praeterierunt, Fama relinquitur illaque figitur, hi putruerunt. Nunc ubi curia pompaque Julia ? Caesar, obisti ; Te truculentior, orbe potentior ipse fuisti". In einem darauf folgenden weiteren Textteile folgt das Bild des nackt im Grabe liegenden Caesar, — wie in dem entsprechenden Stücke der „Sermones ad fratres in eremo". Und nach einer Stelle, welche mit dem wiederkehrenden Aufruf „ibimus, ibimus" fast die Form der Vadomori-Gedichte zum Ausdruck bringt, erwähnt Bernhardus den „gehörten Mond", der als ein Ebenbild der Verwesung die süssen Neckerein des weltlichen Lebens zunichte macht (S. 38); die Szene mit dem nackten Leichnam folgt hier also nach der Lebensradschilderung, wie ja auch auf den Lebensradbildern immer eine nackte Leiche unter dem Rade liegt : „Caesar nudus es, et prope nullus es, 0 ferus ille. Nunc ubi Marius atque Fabricius inscius auri ? Mors ubi nobilis et memorabilis actio Pauli ? Diva Philippica. vox ubi coelica nunc Ciceronis ? Pax ubi civibus atque rebellibus ira Catonis ? Nunc ubi Remulus ? aut ubi Romulus ? aut ubi Remus ? Stat rosa pristina nomine, nomine nuda tenemus. Quam cito labilis atque volubilis orbita sphaerae, Corda volantia, corpora fortia praeteriere. Et breve floruit, et cito corruit unda priorum, Gloria finiit, area transiit omnis eorum. Nos quoque tollimur, et proficiscimur, ad quod et ipsi ; Imus in infera, perdimus aethera, mentes remissi. Mors animantibus imminet omnibus, ibimus omnes ; Mors vocat, ibimus, haud retinebimus orbis honores. Ibimus, ibimus, atque redibimus, ad quid 1 ad imum ; (Lebensrad 1). Ima petentia sunt profitentia corpora limum. Est via libera mentis, ad aethera, carnis, ad ima;" Alles verläuft also, wie auf dem Bilde in Subiaco, in Pisa, weiter wie in den Vadomorigedichten und bei Helinandus. „Haec bene suseipit, haec male despicit, ad sua prima. Stat caro, mens gemit, Eva virum premit, inde reatus ; Mens levat, et lavat , at caro cor gravat, inquinat actus. Dulcia jurgia dum feret obvia cornua luna ; Haec agit illaque, desinet utraque facta quod una". Der Mönchsdichter geht sogar noch weiter 1 Er betont S. 39 ausdrücklich, dass sich auch die ganze Welt wie ein Rad dreht und sich so der Verwesung weiht, und dass die „Frau Welt" meistens mit einem Rad bildlich dargestellt wird: „Quomodo flumina cerne Volumina currere rerum ; Orbis honor ruit, et fugit, et fluit orbe dierum. Ut rota volvitur, indeque pingitur ut rota mundus ; Quippe volubilis, et variabilis, ac ruibundus". Und an diesen Gedankengang anschliessend spricht Bernhardus über den Weltuntergang, über das Jüngste Gericht und über die Zeichen, welche dem Weltuntergang vorausgehen. Unter diesen Vorzeichen erwähnt er, dass sich die Scharen der in Geisterzügen dahinziehenden Toten in Vision zeigen werden I Die scharenweise wandernden Toten verkünden der Menschheit den nahen Weltuntergang und das beginnende Jüngste Gericht ! Im Totentanz verkündet auch eine derartige Vision von scharenweise wandernden Toten den einzelnen Menschen ihren nahen Tod und das „Judicium Particulare"; und schon also in diesem Gedichte Bernhards poltert die freche, kecke Schaar der Eumeniden oder Erinnyen, d. h. der „Herlekinleute", sodass wir in unserem Contemptus-MundiGedicht sozusagen eine Vorstufe des späteren „Toten-Tanzes" erkennen dürfen I (S. 39). Mundus et omnia quomodo somnia vana recedunt ; Signaque plurima, tempóra proxima judicis edunt. Sidera flammea lunaque ferrea visa refertur ; Sol sine lumine, terra voragine subdita fertur. Terra levis tremit, Eumenidum fremit umbra proterva ; Bellica currere fertur in aére visa caterva Agmina mortua currere conflua visa feruntur ; Signa gravissima, monstraque plurima conspiciuntur". Die „bellica caterva" der in der Luft visionenartig erscheinenden Toten entspricht freilich der „Wilden Jagd" und den „Herlekinaden". Auch die Ankunft des Antichristus wird geschildert (S. 40) und die weiteren Zeichen, welche den Antichristus vorbedeuten, gehören schon in das Reich der Märchen (S. 41). Ja, das Ende der Welt ist nach dem Verfasser nicht einmal so weit I „Nuper", also unlängst wurde ein Drache am Himmel sichtbar, die Pest wütete verheerend und in England erschien ein Wunderweib. Für dieses letztere „Zeichen" wird von dem Verfasser ein Mann aus „Hibernia" oder „Hiberia" als Gewährsmann genannt. Der „Liber primus" endigt S. 42 mit demselben Satz, mit dem er beginnt : „Hora novissima, tempóra pessima sunt, vigilemus". Im „Liber secundus" (S. 43—73) folgt dann die Darstellung des „goldenen Zeitalters" und nach der „Aurea aetas" wird die Welt verunreinigt : mundus wird immundus, — ganz wie auf dem Kreuzbilde im Evangeliar der Uta I Es halten die verschiedenen Sünden ihren Triumpheinzug in die Welt. Vor allem hausen von jetzt ab in der Welt : Venus, Furor, Fraus, Impietas, Gula, Lites und Vis. Dieser Motivwandlung ist es zu verdanken, wenn sich die Totentanz- und Gesamtlegendenmotive später mit den Trionfi-Motiven Petrarcas vermengt hatten. Über die „Impietas" sprechend sagt der Verfasser (S. 48) : „Secula lubrica possidet unica mortis imago , Lubrica secula gens replet aemula, prava propago". Als „Imago mortis" wird aber schon hier ein teuflischer Geist charakterisiert, der die Unterwelt mit Bewohnern überfüllt. Über die Gewalttätigkeit sprechend sagt der Mönchsdichter (S. 50): „Fertur ad omnia transgredientia ramus olivae ; Mors replet aemula crimine secula, tartara vice". Auf derselben Seite (S. 50) der Wright-Ausgabe, sowie auch auf der folgenden (S. 51), — also in nächster Nähe bei diesem Triumphmotiv der Everymantodesgruppe, — befindet sich in diesem mächtigen Gedichte Bernhards die wichtigste Stelle des ganzen Contemptus-Mundi-Werkes. Der Dichter stellt die Frage : Welche sind die Vertreter der Stände, welche die bisher aufgezählten Sünden verüben ? Nach der Reihe sammeln sich im Heer der Sünder die Vertreter der verschiedensten Stände, u. zw. nach dem Grade ihres Standes und, indem sie alle schlecht leben, singen sie falsch am „Decachord I" Und nun folgt eine Reihe von Ständen. In je zwei Zeilen, — wie in den Vadomorigedichten, — werden die Stände fast sprechend aufgeführt, vorgestellt und charakterisiert, — u. zw. als wenn der Dichter hier in dritter Person den Inhalt des Jammermonologs bekannt machen wollte, den die Ständevertreter übrigens im Vadomori der Reihe nach in erster Person hersagen, oder singen. Und diese Lebensmonologe, welche im Munde der Sünder falsch, grell, hässlich klingen, werden zum „Decachord" gesungen 1 So vereinigt sich die Darstellung der Sünder, der weltlich Lebenden mit allen jenen mystischen Zahlenspielereien der mittelalterlichen Musiktheorie, über welche ich schon ausführlich berichtete. Das Vadomori-Motiv erscheint hier also ausdrücklich mit Gesang und Musikbegleitung vermengt! (S. 50).