KOZÁKY ISTVÁN: A HALÁLTÁNCOK TÖRTÉNETE II. / Bibliotheca Humanitatis Historica - A Magyar Nemzeti Múzeum művelődéstörténeti kiadványai 5. (Budapest, 1944)

I. Die „Contemptus-Mundi"-Literatur

- 118 — List des Teufels im Kampfe wider die Laster anempfohlen wird. Schon in der weit verbreiteten „Psychomachia" des Prudentius entsteht eine Reihe von Paaren, welche dann an der Hand der Illustrationen in den unzähligen Hand­schriften des Gedichtes besonders klar hervortreten. 1 Die­ser Tugend-Laster-Kampf erscheint aber in der Schrift „De agone Christiano" 2 des hl. Augustin schon im Rahmen einer Sterbeszene. Die Zahl der Sünden steigt von 7 bald auf 8, bald auf 10. Aldhelm fügt seinem Werke „De laudibus virgi­num" 3 einen Abschnitt „De octo principalibus viciis" bei. In zehn Rätseln erklären zehn Tugenden und zehn Laster ihr Wesen auch irr den „Aenigmata de virtutibus et vitiis" des Bonifacius. 4 Aus derartigen Auffassungen dieses Themas entstanden Tugendspiegel. wie ein „Liber de Vir­tutibus et viciis" unter Alcuins Werken. 5 Nicht nur vom Standpunkte der Standesliteratur betrachtet, sondern auch in der Hinsicht auf ein genaueres Verständnis der Entwicklungsgeschichte der Gesamtlegende sind die poetischen Bearbeitungen des Kampfes zwischen den Tugenden und Lastern wichtig. Vor allem ist es der „Conflictus virtutum et vitiorum 6 des Ambrosius Autpertus, Abt von St. Vincenz am Volturno,' 1 in welchem sich die ersten Ansätze zu einer ähnlichen Auffassung der Tugen­den und Laster kundgeben, wie dies später auch der Fall in den Vadomorigedichten und den verwandten Stände­gedichten der Fall ist. Schon der Hinweis des ersten Ka­pitels auf das Bibelzitat II. Timoth. 3, 12: „Omnes, qui pie volunt vivere in Christo Jesu, persecutionem patientur", beweist den Zusammenhang mit der Grundidee des Va­domorigedichtes, dessen Parallelität mit den „Vive-Deo"­Distichen im abschliessenden „tunc bene vado mori" auch an sich betrachtet schon mit einigem Nachdruck hervorgehoben wird. Dabei erscheinen in Autperts Gedicht 24 Paare. Wie wir es noch sehen werden, ist diese Zahl später für die Zahl der Vadomoridistichen ebenso massgebend, wie für die Heidelberger lateinische Vorlage des vierzeiligen obd. Todtentanzes. Nun gibt uns aber der Aufbau dieser • den Kampf der Tugenden und der Laster darstellenden Gattung der Standesliteratur einen interessanten Aufschluss über die Ursache der Beschränkung der Todtentanzpaare auf 24. Schon Autpert lässt nämlich die Laster und Tod­sünden, sowie die Kardinaltugenden in drei Gruppen auf­treten, indem er in einer Gruppe je 8 Laster oder Tugen­den sprechen lässt. Die Paare Humilitas — Superbia, Do­mini Timor — Inanis Gloria, Vera Religio — Simulatio etc. sind Laster oder Tugenden, welche in das Bereich der drei Seelenkräfte des Menschen, in die Gedanken-, Ge­fühls-, oder Willenswelt, bzw. in die Sphären der drei ab­soluten Werte, der Wahrheit, Güte (bzw. Heiligkeit) und Schönheit gehören, und deren irdisch-menschliche Zerr­bilder nach der mittelalterlich-mönchischen Terminologie „concupiscentia carnis", „concupiscentia oculorum" und „superbia vitae" heissen. Die Stände der Vadomorigediche vertreten nach diesen Grundlinien der Streitgedichte vom Kampfe der „Vitia et Virtutes" im allgemeinen die ver­schiedenen Laster und Tugenden, ja sie bezeichnen im Hexameter des ihnen zugewiesenen Distichon ihr Laster und stellen der Hauptsünde ihres Lebens im darauf fol­genden Pentameter eine Tugend oder jenen Zustand ent­gegen, der aus dem Laster im Angesichte des Todes wur­de. Im Aufbau der Reihenfolge und der inneren Konstruk­tion der Vadomoridistichen zeigt sich also zweifelsohne eine Reminiszenz aus den Steitgedichten der Vitia et Vir­tutes. Wenigstens gilt das für die ältesten Vadomorige­dichte. Die jüngeren sind freilich zur Wahrnehmung die­1 Ed. J. Bergmann, Diss. Upsala 1897. 2 Migne, Patr. Lat. XL, Sp. 289. 3 Migne, Patr. Lat. LXXX1X, Sp. 282. 4 Poetae latini aevi Carol I, 1 —15. 5 Migne, Patr. Lat. CI, Sp. 613 ff. 6 Anf. „Apostolica vox clamat per orbem . . .; vgl. unter verschiedenen Namen : Augustinus : Migne, XL. Sp. 1091; Leo IX: Migne. CXLII1. Sp. 559; Ambrosius: Migne. XVII. Sp. 1057; Isidor : Migne, LXXXIII. Sp. 1131. 7 t 778; vom Verfasser an Lantfrid, den ersten Abt von Benediktbeuern gewidmet. ser entwicklungsgeschichtlichen Regel wegen der Kom­pliziertheit nicht geeignet. Die Bedeutung der Streitgedichte über den Kampf der Vitia et Virtutes wächst, wenn man ausserdem noch jene Beobachtung in Evidenz hält, dass die einzelnen jün­geren Formen des Streites zwischen Laster und Tugen­den mit den Varianten der Gesamtlegende und ihrer Vor­gänger in einer handschriftlichen Verbindung standen. Ganz besonders wichtig ist ein durch sehr viele Handschriften belegbarer „Tractatus de conflictu vitiorum et virtutum" (Anf. „Misit rex Saul apparitores . . ."), der die „exploratores" aus I. Reg. 26, 4 allegorisch als die sie­ben Hauptlaster auffasst, die Saul, der Böse, ausschickt, um David, den sündigen Christen, zu fangen (vgl. Wal­ther. a. a. 0. S. 113). In vielen Handschriften werden die ritterlich gekleideten Laster, welche auf exotischen Un­geheuern reiten, von den Illustratoren sehr interessant dar­gestellt. Dies ist auch der Fall in der wunderbaren Ge­samtlegendenhandschrift zu München, Cgm. 3974 (saec. XV. fol. 70r ff.; Walther erwähnt a. a. 0. S. 113. Anm. 2. noch Clm. 11582 fol. 156; Cgm. 1121, fol. 226-40 deutsch ; Gott. Theol. 293, fol. 57; gedruckt als Nr. 75 im „Lumen animae" des Mathias Farinator, Augsburg 1477 ; übrigens führt Walther. a. a. 0. S. 113 Anm. 3 noch eine längere Reihe handschriftlicher Angaben des Kampfes zwischen Vitia et Virtutes im allgemeinen an). In diesem Kodex wurde die Augsburg-Münchener Legendenform 8 ebenfalls illustriert und mit dem Traktat über den Streit der Tu­genden und Laster handschriftlich vereinigt. Die einzelnen Tugenden und Lasier werden aus symbolischen Gestalten zu menschlichen Charaktertypen (aus Humilitas wird Hu­miiis usw.), und somit ist dieser Traktat schon eigentlich ein leiser Ansatz zu einer Schilderung verschiedener Stände. Derartige Charakterbilder der Vitia et Virtutes stehen auch in Kermaria neben dem Bilde der Legende von den drei Lebenden und drei Toten. 9 Auch dieser Fall beweist jene Tatsache, dass die Handschriftenbilder, sowie die Fresken des Mittelalters miteinander verwandt sind. Die Priorität der beiden Darstellungsweisen festzustellen, ist nicht im allgemeinen, sondern nur in einzelnen Fällen möglich. Derartige Vermengungen der Motivelemente bewirkten es dann allerdings, dass die Szenen der Gesamtlegende auch unter dem Einflüsse der Streitgedichte über den Kampf der Tugenden und Laster umso leichter auf die Standes­reihe der Vadomorigedichte übertragen werden konnten. Eine Vermengung, ja sogar Verwechslung der Va­domoridistichen mit der symbolisch gedeuteten Standes­reihe der Streitgedichte zwischen Vitia und Virtutes, war umso leichter, da es auch ein sehr verbreitetes, 1 0 in leoni­nischen Hexametern verfasstes Gedicht gab, das den „Conflictus viciorum et virtutum" behandelte. 1 1 Im allgemei­nen umfasst dieses Gedicht 24—25 Paare in Hexameter. In den ungeraden Hexametern spricht je ein Laster, worauf die entsprechende Tugend antwortet 1 2 Also wie auch in den Vadomoridistichen ein jeder Standesvertreter in der ersten Zeile sein Laster schildert und dann im darauffol­genden Pentameter die Weise andeutet, wie aus dem Laster eine Nichtigkeit wird, die dem Tode nicht zu wi­derstehen vermag. Diese Vitia-Virtutes-Hexameterpaare vereinfachen sich dann immer mehr. 1 3 Die symbolischen Laster- und 8 Vgl. hier Taf. VII-VIII. Fig. 1 If. 9 Vgl. hier Taf. XX. Fig. 6 ff. 1 0 Walther. a. a. O. S. 114. Anm. 1 zählt 31 Hand­schriften auf; einige aus dem XII. Jh. sind München, Clm. 4613, fol. 121 ; Wien. 756, fol. 254a; 1147, fol. 69b; Oxford. Laud. Misc. 234, fol. 85; Troges, 215, Nr. 127 usw. eine Menge aus dem XIII —XIV. Jh. 1 1 Im XÍ. Jh. entstanden ; Anf.: .Vos, qui sub Christo mundo cerlatis in isto, / discite virtutum conflictus et viciorum"; aber dieser Anfang ist nur ein nachträglicher Zusatz ; ein anderer Eingang : „Quis mihi laude pari vel honore potest sociari", oder „In cunctis opibus tibi non equabitur ullus" siehe weiter unten 1 1 2 Walther. a. a. 0. S. 115. 1 3 Wie in der Hschr. Brit. Mus. Arundel 332. saec. XIII. fol. 233b ; Anf.: „Non condempnabit salvator, quos reparavit . . ."

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