KOZÁKY ISTVÁN: A HALÁLTÁNCOK TÖRTÉNETE II. / Bibliotheca Humanitatis Historica - A Magyar Nemzeti Múzeum művelődéstörténeti kiadványai 5. (Budapest, 1944)

I. Die „Contemptus-Mundi"-Literatur

- 106 — Todesgedanken weisen auch die Schriften Gre­gors des Grossen auf, bei dem sich das ganze Weltgeschehen ebenfalls zu einem grossen Kreislauf von Gott zu Gott gestaltet 1. Rehm nennt den Todesgedanken einen „Kampf um das Humanitätsideal" 2 und weist auf die Tatsache hin, dass der „frühzeitige Tod" im Mittelalter als ein Unglück betrachtet wurde, während man zur Neuzeit in ihm die „Erhö­hung des Lebensinhalts" zu erblicken bestrebt war. 3 Der Lebenswille ist im Mittelalter zugleich auch ein Todeswille, denn es handelt sich von vornherein um die Lebensaufgabe, den eigenen Tod als Frucht zu reifen, während man freilich anderseits den Tod als eine dem Innern des Menschenhichs unverbundene, gewalttätige und dem Leben fremde Macht im von vielen Pla­gen und Seuchen heimgesuchten Alltag erschei­nen sah. 4 Und in der augustinischen Einstellung zum Tode können wir eigentlich ein altklassi­sches Erbe erblicken, da es ja schon von Ci­cero behauptet wurde: „Tota philosophorum vita est commentatio mortis" . . . Nach Karl von Eckartshausen wüssten wir ohne den Tod nicht, dass wir leben. Dieser Aspekt war aber im Mit­telalter unbekannt, weil man ein „romantisch­irrationelles Verhältnis" mit dem Tod für un­natürlich fand. 5 Die Unsterblichkeit der Seele ist jene immerfort leuchtende Säule, auf wel­cher der ganze mittelalterliche Todesglaube ruht. 6 Diese grundsätzliche Vorbedingung mittelalterli­cher Todesbetrachtung ist die gemeinsame Quelle aller mittelalterlicher ..Erbauungsbücher", der „Seelenwurzgarten" („Hortulus animae") und der „Contemptus mundi"-Bücher. 7 Aber trotz der finsteren Darstellung der „bösen" To­desarten in den „Ars-moriendi"-Büchern und in den „Quattuor novissimis" entwickelt sich erst gegen Ende des XIV. Jahrhunderts und im XV. Jahrhundert jene starke Depression, jener Pes­simismus, aus dem die Totentänze hervorwach­sen. 8 Die Contemptus-mundi-Werke waren aber die Schuld daran, dass man sich schon im XV. Jahrhundert nach den tragischen To­desdarstellungen bei Hugo von Montfort und Oswald von Wolkenstein ganz zu herkömmli­chen Redeweisen in der Schilderung des Todes geflüchtet hatte und, wie Muskatblut und der Sittenkodex des Thomasin von Zirklaria , nur unpersönliche, leere Phrasen über die gewisse und doch so unsichere Zeit des Todes ab­schreiben konnte. Und doch, — gerade dieser Gedanke ist es, mit dem die Vadomorigedichte beginnen, zu denen uns dieser vorliegende Teil der Einleitung zu meinem zweiten Bande der 1 Vgl. Rehm, a. a. 0. S. 28. s Vgl. Rehm. a. a. 0. S. 7. 3 Rehm. a. a. 0. S. 5. 4 Rehm. a. a. 0. S. 4—5. 6 Rehm. a. a. 0. S. 5—6. 6 Vgl. die reiche Literatur bei Rehm, a. a. 0. S. 8, Anm. 1. 7 Vgl. E. Döring—Hirsch. Tod und Jenseits im Spätmittelalter. Berlin 1927, S. 44-49. 8 Rehm, a. a. 0. S. 103. GTT führen sollte. 9 Die von Rehm S. 85—86 seines Werkes über den Todesgedanken er­wähnten Betrachtungsbücher sind eben gerade so verallgemeinerte Typen der Bearbeitung des Vadomorigedankens, wie die „Ars-moriendi"­Blockbücher eigentlich eine typisch ausgear­beitete Everymanlegende sind. 1" Jene Todesgedanken, welche in den mittelalterlichen Contemptus-mundi-Werken bearbeitet werden, sind im all­gemeinen und zum grössten Teil klassische Traditionen, — freilich in einem christlichen Gewände der romanischen Weltanschauung. Wenn ein Publius Syrus behauptet : „Lex universa est, quae iubet nasci et mori", wenn ein Ma­nilius 1 1 feststellt: „Nascentes morimur", so sind dies zv/ar Sätze allgemein menschlichen Inhalts, werden aber in der Contemptus-Literatur immer wieder zitiert. Interessant sind jene Stellen bei Seneca, welche Konrad Burdach in sei­nem Ackermannkommentar 1 2 zitiert. Nach Seneca ist das Leben ein Weg zum Tod : „Quid enim est novi hominem mori, cuius tota vila nihil aluid quam ad mortem iter est ? Ego cum genui, tum moriturum scivi .. . quisquis ad vilam editur, ad mortem destinatur". 1 3 Nach der Ansicht Senecas sind wir nur dazu geboren, damit wir dem Tode zum Opfer fallen 1 4, und wer einmal geboren wurde, der muss auch unbedingt sterben. 1 5 Eine jede Minute des Lebens ist „der Tod" ; nur jene Minute, in welcher wir dahingerafft werden, ist „unser Tod" . .. Dieses „cotidie morimur" wird nach Seneca in den Contemptus-Werken unzähligemal wiederholt: Memini te ilium locum aliquando tractasse, non repente nos in mortem incidere, sed minutatim proce­dere : cotidie morimur. cotidie enim demitur aliqua pars vitae, et tunc quoque, cum crescimus. vita descrescil. in­fanliam amisimus, deinde pueriliam. deinde adulescenliam. usque ad hesternum. quicquid transit temporis, perit; hunc ipsum quem agimus diem cum morte dividimus. quemad­modum clepsydram (die Wasseruhr) non extremum stíl 1 i­cidium exhaurit, sed quicquid ante defluxit, sie ultima hora, qua esse desinimus, non sola mortem facit, sed sola consummat : tunc ad illam pervenimus, sed diu venimus .. . mors non una venit, sed quae rapit, ultima mors est 16 Die mittelalterlichen Vergänglichkeitsgedichte, wie z. B. ein Canzone, weches der Sohn Dantes schrieb, 1 7 verbreiten häufig derartige „heidnisch-klassische" Anschauungen über den Tod, da sie ganz in der Welt des romanischen Geistes leben. Besonders die altklassischen Grabinschriften ver­treten manchmal eine fast drastische und materialistische 9 Vgl. Rehm, a. a. 0. S. 85-86. 1 0 Rehm, a. a. 0. S. 108—109; vgl. Jacobus de Clusa, De arte bene moriendi, ca. 1490 und ein Ars mo­riendi ca. 1495: beide in der Nürnberger Stadtbibliothek ; in der Darmstädter Landesbibl : Cordiale de quatuor no­vissimis : cod 796.797,685,3105: daselbst Bernhardi Con­temp'us mundi: cod. 2780 I„ cod. 23. cod. 762, cod. 2242 ; Bibliothéque de Loches, cod. Nr. 26. XIV. Jh. De quatuor novissimis, scilicet de morte, judicio, gehenna et gloria : Anf. Memorare novissima tua. Ende : ac novissima pro­viderent, ut ad gloriam Dei pervenirent, quam nobis con­cedere dignetur qui . . . etc." Vgl. Erfurt. 0. 38. XV. Jh.; vgl. über die Ars-Moriendi Bücher bei Döring—Hirsch, a a. 0. S. 50—55; vgl. über den „Watschen Gast" des Thomasin von Circlaria : Rehm, a. a. 0. S. 45. ff. 1 1 Astronomica IV. 16. 1 2 Vgl. K. Burdach, Vom Mittelalter zur Reforma­tion. III. Bd. 1. Teil. Berlin 1917, S. 299-300. 1 3 Seneca, Ad Polyb. de consolat. 11, 2 ff. 1 4 Natural, quaest. 1 praef. 4. 16 Epist. 99. 8. 1 6 Epist." 24," 19-21 ; vgl. auch Epist. 58,22.23. 1 7 Vgl. Pietro Vigo : Le Danze Macabre in Italia. Bergamo 1901, S. 92—94: Messer Piero Dante, ein Ge­dicht mit dem Anfang: „Io son la Morte prineipessa grande / Che la superbia umana in basso pono / Per tutto il mondo il mio nome si spende . . ." etc. in der Aus­gabe .Rime e prose del Buon Secolo della Lingua, tratte da manoscritti e in parte inedite". Lucca, dalla Tip. di Gius. Giusti, 1852, S. 24 ff.

Next

/
Thumbnails
Contents