KOZÁKY ISTVÁN: A HALÁLTÁNCOK TÖRTÉNETE I. / Bibliotheca Humanitatis Historica - A Magyar Nemzeti Múzeum művelődéstörténeti kiadványai 1. (Budapest, 1936)
ZWEITER TEIL. Entstehungsgeschichte der Grundmotive des Totentanzes
im dargestellten Toten nur ein einfaches Beispiel des künftigen Menschenschicksals zu erkennen, dessen alles vernichtende Macht den Guten und auch den Sündern gleichsam droht. Dieser Text ist also auch keine Anspielung auf das gut oder sündhaft verbrachte Leben und ist auch eigentlich keine Aufforderung zum hastigen Ausleben der kurzen Lebensfrist oder zur Busse. In Europa will der Text anfäglich nur den Verwesungshergang des Fleisches konstatieren. In diesem Sinne wurde er allmählich verbreitet und ist auch der Kern der Legende von den drei Lebenden und drei Toten. Ganz anders steht es mit der symbolischen Deutung des einfachen oder dreifachen GisantTyps. Diese richtet sich merkwürdigerweise ausschliesslich gegen den Epikureismus, indem sie durch den Lebenden die irdische Freude und im Totenleichnam ihre Vergänglichkeit symbolisiert. Der Epikureismus entstand ja ursprünglich im Orient und wurde von den Antiken nach Europa verpflanzt. Schon bei den Ägyptern bedeutete der einfache „BeispielGisant-Typ" neben der ernsten Mahnung zur Busse eine Aufforderung zum sündhaft sinnlichen Leben. In der epikureistischen Form finden wir das Motiv im Hause Trimalchios, der es schon als eine „Mode" seiner Zeit affektiert nachäfft. Diese einfache, vom Epikureismus verwendete Form des als Beispiel gedachten Gisant-Typs ist in allen Fällen samt dem Epikureismus in die antike Kunsta aufgenommen worden. Wo aber diese epikureistische Form des Gisant-Typs entstand, dort muss man auch die Anfänge der Reaktion finden. Die erwähnte Buddha-Legende, sowie der weitere Gebrauch der Ägypter und der Juden (s. in der hl. Schrift : Isai 2213.; Eccles. Pred. 72—3.), im einfachen Gisant-Typ der epikureistischen Lebensauffassung gegenüber eine ernste Mahnung zur Busse zu erblicken, unterstützt die Meinung, dass man zuerst im Orient den epikurestischen Lebenswandel in einem Lebenden und seine Nichtswürdigkeit und Vernichtung in einem Leichnam zu symbolisieren begann. Die aus dem „Symbol-Gisant-Typ" entstandene Todesgestalt ist also aus dem Orient nach Rom gekommen. Deswegen wurden auch die sog. „Nichtigkeitsvisionen" im Orient samt der mit dem „Symbol-Gisant-Typ" vereinigten orientalischen Teufels-Todes-Gestalt in die „Everymanlegende" aufgenommen. Der einfache Beispiel-Gisant-Typ ist also samt seiner epikureistischen Deutung und der symbolisierenden Reaktion in die griechisch-römische Kultur vom Orient übernommen worden, wodurch er mit weiteren, später zu besprechenden, ebenfalls orientalischen Legenden vermengt dem Mittelalter übermittelt werden konnte. In der Ikonographie des Todes soll der Zusammenhang des Symbol-Todes mit dem Epikureismus aufden Darstellungen einesder berühmten „Boscoreale-Becher" aus dem ersten christlichen Jahrhundert noch eingehender betrachtet werden. Sie erklären aber auch den mythologischen Hintergrund des antiken Gisant-Typs. Auf einem dieser Krüge steht die Aufschrift, dass man das Leben geniessen soll, denn wenn man gestorben ist, so wird man nichts weiter, als ein „Schatten" oder ein „Geist" (s. Taf. 1. Fig. 20.J. Was die antike Kunstdarstellung unter „Schatten" und „Geist" verstand, ist aus dem dreifachen Gisant-Typ des Grabmals in Cumae 1 leicht ersichtlich. Auf der ersten Darstellung des Grabes tanzt die lebende Tänzerin vor den Lebenden ; auf dem zweiten Bilde tanzt sie als ein halb Verwester Leichnam vor zwei ähnlich dargestellten, verschrumpften Leichnamen, deren einer (links) zu applaudieren scheint. Aber die Leichnamsgestalt (von der Tänzerin links auf der rechten Seite des Bildes) nähert sich mit feindlicher Gesinnung als wollte er die Tänzerin ergreifen, um sie ins Land der Geister zu tragen. Auf diesem Bilde ist die Tänzerin ein Lemure ; sie tanzt auch auf dem Wege zur Unterwelt. Am dritten Bilde tanzt sie als ein „Geist" in der Unterwelt vor den Geistern. Diese Geister werden hier eigenartig als unklar sichtbare, verschwommene Gestalten gezeichnet. Die drei Szenen der Tänzerin sind Reliefs, welche sich auf Sarkophagen einer Grabkammer bei Cumae befinden und 1809 von Bauern entdeckt wurden. 2 Uber das Wesen des Grabes ist mir leider nichts Näheres bekannt geworden. 3 In der antiken Mythologie werden die „Geister", hauptsächlich „die Hausgeister", d. h. die Ahnen jeder Familie mit religiösem Kult verehrt. Diese heissen „Lares" und sind die guten „Hausgeister". Jedes Haus hat aber auch „schlechte Hausgeister", die in einer furchtbaren Gestalt erscheinend Unglück bringen oder den Tod eines Mitgliedes der Familie voraussagen. Diese bösen „Hausgeister" — meistens die Seelen unbegrabener Menschen, die samt ihrem verwesten Körper nicht in die Unterwelt gehen dürfen, sondern auf der Welt jahrhundertelang umherirren müssen, — werden „Larvae" genannt. Die Erzählung vom Gastmahl des römischen Reichen, Trimalchio, nennt aber das von den Ägyptern (durch griechische Vermittlung) übernommene Skelett auch „Larva." Zu dieser Zeit aber bedeutete das Wort „Skelett" noch nicht das vom Fleisch vollständig entblösste Knochengerüst des Menschenkörpers, sondern axsXtzov aco/xa d. h. den „eingeschrumpften Körper." Der Römer 1 s. Tai. 1. Fig. 13. 2 vgl. E. Szántó : Archäolog. zu Goethes Faust. Jahrhefte d. österr. Arch. Inst. Wien, Bd. I. Wien 1898. S. 93105. 98. Fig. 39. 3 vgl. Miliin, Mag. Encycl. 1813, Jänner. S. 200.; Sickler, de Monumentis aliquot Gr., e sepulcro Cumaeo erutis. Weimar 1812. Im allgemeinen neigt man zur Auffassung, dass das Grab der Tänzerin nicht mehr ein Werk im heidnisch-antiken Sinne sei und dass es insbesondere nicht ein Produkt der Cumaner Griechen, sondern eher ein gnostisches Monument wäre. G. Kastner, Les danses des morts. Paris, 1852. S. 41—43; vgl. J. W. Goethe : Das Grab der Tänzerin ; i. J. 1812 unter den nachgelassenen Werken z. B. Bd. 31. f. 390 ff. der Cotta'schen Ausg. 1857. Stuttg. Tüb.