KOZÁKY ISTVÁN: A HALÁLTÁNCOK TÖRTÉNETE I. / Bibliotheca Humanitatis Historica - A Magyar Nemzeti Múzeum művelődéstörténeti kiadványai 1. (Budapest, 1936)

ERSTER TEIL. Einführung in den Stand der neuesten Forschungsergeb nisse

39 ­Zuletzt hat Wolfg. Stammler 1 das Toten­tanzproblem seiner Lösung viel näher ge­bracht, als seine Vorgänger. Sein Ziel war, nicht nur die bisher entdeckten Möglichkeiten zusam­menzufassen, sondern auch ein System der Ent­wicklung aufzubauen. Er verstand es die mit­einander bis zur Unerkenntlichkeit verwickelten Motive und Dichtungsarten auseinanderzuhalten. Die Vermengung der Motive des Vadomori­Gedichtes, der Legende von den drei Lebenden und drei Toten und des „Streitgedichtes" 2 ist nach seiner Theorie Ursache der Totentanz­darstellung. Da der Totentanz nicht nur Text, sondern auch Bild ist, wollte Stammler auf die Frage seiner Entstehung nicht nur als Philologe, son­dern auch als Kunsthistoriker eingehen. Trotzdem blieb er während der ganzen Abhandlung nur Philologe. Er beschreibt zwar die Totentanzbil­der, aber ihre Entstehungsgeschichte und ihr Charakter sind ihm Nebensache. Er unterscheidet zwei Bildergruppen. In der einen Gruppe tan­zen die Vertreter der Stände den im Mittelal­ter sehr verbreiteten geschrittenen, „ummegehen­den" Tanz (z. B. La Chaise-Dieu, Berlin, Met­nitz ; also keine Prozession), in der anderen aber den „gesprungenen" Tanz (Kermaria, Pa­ris, Lübeck, Gross- und Kleinbasel, und auf deutschen Holzschnittausgaben). Den Grund aber solcher interessanten Unterschiede (deren Vorhandensein im Bilde sehr fraglich ist) führt Stammler nicht an und ein Hinweis auf die reformatorischen Bestrebungen Frankreichs ist hierfür belanglos. Die Entstehung des Totentanzes wird bei Stammler auf folgender Tafel verständlich gemacht: Vadomori-Gedicht Verse der Lebenden Legende der drei Toten Verse der Toten Lateinischer Totentanz Streitgedicht zwischen Leben und Tod Latein. Gedicht vom Tanz des Todes Oberdeut. Totentanz X Pariser „Danse macabre" Hochdeulsche Niederdeutsche Übersetzung Y Spanische „Danga della muerte" Niederländischer Totentanz Lübeck-Revaler Totentanz Der erste Totentanz entstand nach Stamm­ler dadurch, dass der Dichter des Heidelberger Monologtotentanzes das Motiv der feindlichen Toten der Urlegende von den drei Lebenden und drei Toten auf die Standes-Reihe der Va­domori-Gedichte zwang ; die Toten Hess er aber noch stumm. Der monologische Text, der den Totentanz begleitete, wurde schon im lateinischen Vorbild des oberdeutschen Totentanzes dialo­gisch, u. a. auch infolge des Einflusses der Legen­de von den drei Toten. Die sprechende Todes­gestalt des Everyman-Dialoges gab dem Dich­ter des ersten lateinischen Dialogtotentanzes den Gedanken, dass er die Skelette des Toten-Tanz­Bildes sprechen lassen könnte, — aber den In­den Jesuitenbühnen, vorzugsweise in Bayern, in den For­schungen zur Kultur- und Literaturgeschichte Bayerns, hg. von Karl Reinhardstöttner 5. 1897. S. 89 ff. 1 Die Totentänze des Mittelalters. München 1922. Horst Strobbe. Einzelschriften zur Bücher- und Handschrif­tenkunde. Dr. Georg Leidinger. IV. Bd. 2 Unter „Streitgedicht" versteht er den uralten Streit des Lebens und des Todes und auch den sog. Everyman­Dialog, d. h. die Vision von der Nichtigkeit der Jugend aus dem XV. Jahrhundert, halt des Gespräches nahm er aus den Texttei­len der sprechenden Toten der Urlegende. Die­ser lateinische Text, der bald in die oberdeut­sche Sprache übersetzt wurde, musste auch auf den Pariser Totentanz Einfluss haben. Die Form des Toten-Tanzes ist in Frankreich ent­standen. Vielleicht auf die Entstehung eines der­artigen Gedichtes sind die drei Zeilen des Ge­dichtes „Respit de mort" von Jehan Lefevre zu beziehen : Je fis de Macabree la dance, Qui tout gent maisne a sa trace Et a la fosse les adresse. Mit dem primären lateinischen Text gleichzeitig ist auch ein zweiter lateinischer Text entstan­den, den der Dichter des spanischen Totentanzes übersetzt hat, der auch auf die französischen und niederdeutschen (Lübeck-Revaler) Totentän­ze grossen Einfluss ausgeübt hat und der bis­her ebenfalls unbekannt blieb. Der Dichter die­ses zweiten lateinischen Totentanzes hat die Motive des Everyman-Dialoges auf die Standes­Reihe der Vadomori-Gedichte übertragen ; da-

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