KOZÁKY ISTVÁN: A HALÁLTÁNCOK TÖRTÉNETE I. / Bibliotheca Humanitatis Historica - A Magyar Nemzeti Múzeum művelődéstörténeti kiadványai 1. (Budapest, 1936)

ERSTER TEIL. Einführung in den Stand der neuesten Forschungsergeb nisse

Sammlungen keine Totenlegende, deren Toten­gestalten mit der Todesgestalt zu verwechseln gewesen wären, wie in Deutschland. Mag sein, dass die Ungarn, — wie die Araber nach Spa­nien — aus ihrer alten Heimat wichtige orien­talische Totenmotive und Gebräuche nach Eu­ropa mitgebracht haben, aber es Hesse sich schwerlich beweisen, dass diese Motive auf die europäischen Darstellungen tatsächlich auch gewirkt hätten. Und obgleich uns die Ent­stehung der in der Schweiz, in Norditalien und in Südfrankreich verbreiteten Basler Totenle­gendenform bis in die Zeit der Belagerung der Stadt Solothurn von den Ungarn (i. J. 954) zu­rückzuführen scheint, suchen wir in den frü­hesten ungarischen Chronikbüchern vergebens nach Spuren ähnlicher Totensagen. In ungarischen Sterbe- und Trauerliedern wurde der reinste Todesbegriff aufbewahrt. Der Totentanz heisst im Ungarischen „Todes-Tanz" („Halál-tánc") und sogar einzelne Dichter des XIX. Jahrhunderts können sich zur Zeit, als man die Motive der in den ungarischen Volks­sagen einheimisch gewordenen germanischen Totensagen schon auch in der ungarischen Li­teratur verwertet, vom altungarischen reinen To­desbegriff nicht trennen. Im ungarischen „Buch der Exempel" („Pél­dák könyve" Bl. 47—68. Handschrift der Bu­dapester Univ. Bibl.), das ca. 1510 kopiert wurde, befindet sich die Prosaübersetzung eines latei­nischen Vadomorigedichtes. Das lateinische Gedicht, das dem ungarischen Ubersetzer als Vorlage gedient hat, muss als eine Kompilation des Gedichtes von Petrus Rosenheim aus dem J. 1424 1 und einer Münchener Fassung betrach­tet werden. 2 Nebst dieser Übersetzung des Vadomorige­dichtes, einer langen Reihe von Monologen der Standesvertreter, befindet sich in derselben ung. Exempel-Sammlung auch eine ungarische Über­setzung des sog. Everyman-Dialoges, der mit dem Anfang „Quises tu, quem video? . . ." erst im XV. Jahrhundert unter dem Einfluss der To­tentänze als eine Abzweigung der als Grund­lage des Toten- und Todes-Tanzes erkannten Gesamtlegende entstand. Dieser Dialog wurde häufig für einen „Rangstreit des Lebens mit dem Tode" gehalten. Schon kurz nach seiner Ent­stehung wird er irrtümlich zu den Produkten der Rangstreitliteratur gezählt, ist aber eine Eve­ryman-Szene im eigensten Sinne. Der Tod spricht hier mit dem Menschen, der zugleich als ein Vertreter irgendeiner arabischen Nich­1 In Rostock : Univ. Bibl. IV. c. IV. 14. fol. 34 v ; mit der Variante der Pariser Bibl. Mazarine ms. fr. 980 fol. 83v —84v zu vergleichen; vgl. auch Desrey-Totentanz; ung. Volf György, Nyelvemléktár VIII. Budapest, 1879. S. 110-12. 2 Vgl. München, Bayer. Staatsbibl. Clm. 14831 fol. 131v— 132v ; weiter Clm. 15181 fol. 167v—168v; vgl. Bu­dapest, Nat. Museum Cod. lat. med. aevi Nr. 276 aus ca. I486 ; s. Katona Lajos, Két középkori latin versezet régi magyar fordítása. Irodalomtört. Közlemények 1900. S. 102— 109. tigkeit gedacht wird. Der Tod erscheint ihm, — wie in den Everyman-Dramen des XV —XVII. Jahrhunderts — um ihn nach einer durch Got­tes Gnade gewährten Bekehrungsfrist und nach Visionen der Weltnichtigkeit zu töten und seine Seele mit sich zu führen. In den Handschrif­ten : München, Clm. 23833 fol. 149 ff. und Clm. 9804 fol. 180v werden die beiden sprechenden Personen noch nach dem ursprünglichen Sinn der Everyman-Dialoge als Adolescens-Mors, Vi­vens-Mors bezeichnet. Während „der Mensch" hier Vertreter der „eitlen Jugend" ist, verkör­perlicht der Tod — wie die Totengestalten der Legende von den drei Lebenden und drei To­ten — „die Nichtigkeit der Jugend". In der unga­rischen Übersetzung, sowie in den meisten se­kundären Textvarianten des Dialoges wird die Lebendengestalt zum „Leben" selbst. Zu einer solchen Verwechslung mit dem „Rangstreit-Dia­log" des Lebens und des Todes gaben Anhalt die Varianten der Münchener Handschriften Cgm. 19542 fol. 310v, Cgm. 3974 fol. 58v und eines Textes, der als Randglosse in einer Bu­dapester Inkunabel, im Wiegendruck eines „Cor­diale" aus I486, 1 eingetragen wurde. Weder das Vadomorigedicht, noch der Everyman-Dialog hatten in der ungarischen Li­teratur Nachklang gefunden, obwohl zur Zeit ihrer ungarischen Übersetzung der Totentanz, sowie auch die Gesamtlegende in Westeuropa zur vollsten Blüte gelangt war. Das „Buch der Exempel" besitzt nur die theoretische Bedeu­tung, dass Handschriften, in denen das Vado­morigedicht mit irgendeiner Variante der Eve­rymanlegende verbunden wurde, keine grosse Seltenheit waren. Während aber diese hand­schriftliche Vereinigung beider Motivgruppen im Westen der Ausgangspunkt für den Totentanz ist, bleibt in dieser Hinsicht das „Buch der Exempel" in Ungarn wirkungslos. Vor allem herrscht in Ungarn auf dem Gebiete der Totentanzmotive keine Tradition. Werke und Motive treten vereinzelt auf und bis ins ausgehende XVIII. Jahrhundert haben die grösseren ungarischen Dichter an der Bil­dung einschlägiger Motivgruppen nicht teilge­nommen. Die Totentanzmotive befinden sich in ungarischen Werken, welche meistens nicht zur offiziellen ungarischen Literatur gehören. Auch in Deutschland bilden ja die Totentänze nicht die Hauptader der Literaturgeschichte. Bis zu den Dichtern des XIX. Jahrhunderts — in de­ren Werken die Toten- und Todes-Motive aus­drücklich unter der Einwirkung der ungarischen Volksdichtung zum Vorschein kommen — machen sich auf diesem Gebiete meist deutsche Einflüsse geltend. Während das Vadomorigedicht in Ungarn kein Auffallen erregt hat, lässt sich ein sozu­sagen unterirdisches Weiterleben der Idee des mit dem Lebenden oder mit dem „Leben" dia­1 Bei Jakob Breda, Deventei ; Budapest, Nat. Mus. Inc. a. 1402 coli. 4, fol. la. Pintér Jenő: Magyar Irodalom­tört. Budapest, 1930, Bd. I. S. 650 f.

Next

/
Thumbnails
Contents