KOZÁKY ISTVÁN: A HALÁLTÁNCOK TÖRTÉNETE I. / Bibliotheca Humanitatis Historica - A Magyar Nemzeti Múzeum művelődéstörténeti kiadványai 1. (Budapest, 1936)
ZWEITER TEIL. Entstehungsgeschichte der Grundmotive des Totentanzes
sizierende (seelische und körperliche) Tod eine Person. Ihr gehören beide Motive gleichzeitig. Auf der anderen Seite des Halberstädter Grabdenkmals triumphiert aber Christus über Tod und Teufel und die Engel musizieren dazu. Auf diesen Parallelbildern ist also die nahe Verwandtschaft der tanzenden (Todes-) Engel mit dem tanzenden Teufel und Teufels-Tod, sowie der Weg der Entlehnung dieser Motive klar. Auf der Feier der Vermählung Heinrichs des IV. mit Margaretha von Valois hat man die Hölle dargestellt. Dieses Spiel hiess : Diablerie. Es bestand aus dem Reigen der Dirnen, die sich mit der Maske des Teufels-Todes schmückten (Larvae) : „larvae daemonum, quas vulgo Talamascas dicunt." Eine interessante Variation des orientalischen Zaubertanzes ist „der Tanz der Blinden", „Danse aux aveugles", ein Gedicht des Pierre Michault, des Hofdichters von Charles, Comte de Charolois, des Sohnes Philipps des Gütigen. Die Menscheit wird durch drei blinde Führer in das ewige Elend getanzt : vom Leben, vom Glück und vom Tod. 1 Dieses Bild ist das Symbol der Entwicklung der Todesgestalt. Der Tanz der „Verblendeten" spielt sich in einem von einem Zauberzaun eingerahmten Zauberkreis ab. Dies ist unzweifelhaft der orientalische Zaubertanz. Die Gestalt des Todes, eine skelettartig gegliederte Leiche sitzt auf einem Stier, was auf die Masken der orientalischen TeufelsTänzer zurückzuführen ist. Zugleich erscheint aber „Atropos", jene klassische Personifikation der tötenden Macht. Dieser Zug, der schon viel früher in dem Berliner lateinischen Dialog des Todes mit dem Reichen auftaucht, beweist, dass man im Mittelalter nicht nur die Gestalt der Todes-Furie, sondern auch die (Leichen-) Gestalt des orientalischen Teufels-Todes der klassischen Kunst entlehnt hat. Im Vordergrunde des Bildes stirbt ein Jüngling und seine Seele entweicht ihm in der Gestalt eines Kindes, was wieder auf Ars-moriendi-Bilder und auf die „História Josephi Fabri lignarii" zurückführt. Zugleich aber liegen rechts unter dem Einfluss der Petrarca-Trionfi die vom Tod getöteten Stände. Neben ihnen steigen Tote aus ihren Gräbern und ziehen nicht nur die Leichname zu sich in die Gräber hinunter, sondern überfallen auch die im Vordergrund stehenden weiteren Vertreter der Stände. Es ist ein grosses Konglomerat der verschiedensten Einflüsse, aber für einen Forscher der Motivgeschichte sind gerade solche Darstellungen von grosser Wichtigkeit und ungeheurem Interesse. Im Gedichte des Pierre Michault wird dieses Thema in der Form der Vision behandelt. Der Dichter spricht im Traum mit „dem Verstand" über die eigenartige Blindheit der drei personifizierten Gestalten : Leben, Glück, Tod. Er spricht über ihre Natur, über ihre Macht, mit der sie die Menschen überwinden. Das Gedicht besteht aus lauter 1 s. Taf. VI. Fig, 5. zehnzeiligen Stanzen. Der Tod spricht : Je suis la Mort de nature ennemie, Qui tous vivans finablement consomme, Anichillant ä tous humains la vie, Reduis en terre et en cendre tout homme. Je suis la mort qui dure me surnomme, Pour ce qu'il fault que maine tout affin ; Je nay parent, amy frere ou affin Que ne face tout rediger en pouldre, Et suis de Dieu ad ce commise affin. Que Ton me doubt autant que tonnant fouldre. Dass der Zusammenhang des mitteralterlichen Todes-Tanzes mit dem orientalischen Zaubertanz nicht nur ein Märchen ist, sondern wirklich besteht, dafür bürgen die bis auf den heutigen Tag erhaltenen verschiedensten „Tänze" der orientalischen Völker. Besonders interessant ist es, dass das ungarische Volk, das sich doch schon seit dem zehnten Jahrhundert an die Kultur des Abendlandes angeschlossen hat, bis heute echt orientalische Motive aufbewahrt hat. Es ist kein Zufall, dass ein Teil der Basler Gesamtlegendenform gerade im Zusammenhang mit den ersten Kämpfen (im X. Jh.) gegen die Ungarn in der Gegend von Basel entstand. Nicht nur für den Tanz der Toten, sondern auch für den Tanz des Todes konnten zu dieser Zeit wichtige Motive vom Orient der abendländischen Kultur übergeben werden (der Besuch der Ungarn in St. Gallen, Solothurn usw.). Ob schon zu jener Zeit die Ungarn den Zaubertanz des Orients mitbringen konnten oder nicht, das ist kaum zu beantworten. Die mit den Ungarn verwandten Völker, wie z. B. die Vogulen, kennen den Todes-Tanz oder Zaubertanz. 2 Einzelne Dörfer haben in Ungarn heute noch ähnliche Tänze und Gebräuche, wie sie schon von „Simplicissimus" beschrieben werden. Eine Stelle des„Simplicissimus"von Grimmelshausen erzählt sogar einen Toten- oder Todes-Tanz der Ungarn, der beinahe jenem Teufelstanz in Tibet entspricht. Die Teilnehmer tanzen um einen liegenden Menschen, der einen Toten oder den Tod personifiziert, wie die „Teufels-Tänzer" in Tibet um die liegende Puppengestalt des Teufels tanzen : „Sonsten habe ich (Simplicissimus) auch in jener ungrischen stat bei einer leich einen sonderbaren tanz gesehn. Da legte sich einer mitten in die stuben, streckte hand und fusz von einander, das angesicht war im mit einem schnupftuch verdeckt (Leichentuch ; oder Sinnbild für die Blindheit des Todes), er lag da und regte sich gar nit. Da liesz man den spilman den totentanz mit der bockpfeifen machen. Sobald dieser anhub, giengen etliche manns und Weibspersonen singend und halb weinend um diesen liegenden kerl, legten im die hände zusammen auf die brüst, banden im die füsz (der Tod, den das Volk hier in der Gestalt eines Toten — wie in Tibet — bindet und zuletzt verspottet) legten in bald auf den bauch, bald auf den rucken und triben allerhand spil mit ime, richteten auch solchen nach und nach auf und tanzten mit im ; welches gar ab2 K. J. Schröer : Totentanzsprüche : Germ. 12. 1867. S. 284-309.