Markója Csilla szerk.: Mednyánszky (A Magyar Nemzeti Galéria kiadványai 2003/2)
Das Leben und die Kunst von László Mednyánszky, mit besonderer Rücksicht auf die Periode vor - Katalin Geller: „Wir sollten uns aus dieser Welt der Sinnestäuschungen immer mehr heraushalten"
11 Frantisek Kupka: Meditation, 1899, Kohle, Kreide, laviert, Pappe, 60 x 24,3 cm (Ostrava, Galerie vytvarného umëni) 12 Gustav Klimt: Ein Morgen am Teiche, 1899 Öl auf Leinwand, 75,1 x 75,1 cm (Wien, Leopold Museum, Privatstiftung) Nádler gibt es eine thematisch mit diesen übereinstimmende Grafik mit dem Titel Ad Lucem (Abb. 6), in der eine Mädchenfigur mit durchgeistigtem Gesichtsausdruck im Wald der rötlich zwischen den Bäumen aufleuchtenden Sonne entgegenläuft. 60 Das Thema kommt auch bei Akseli Gallen-Kallela vor, der ebenfalls unter den Einfluss der Theosophie geriet, und wird auf den Grafiken von Fidus (Hugo Höppener) und Sándor Nagy zu einem der Hauptmotive. 61 In den Grafiken von Gyula Tichy entdeckt man zahlreiche alchemistische (Stein der Weisheit) und theosophische Symbole (Pentagramm mit Rose), meistens angepasst an die phantastische Traumstimmung des Bildes. Nádler gab die theosophische Ideenwelt auch an seine Schüler weiter, um 1910 spiegeln auch die Grafiken von Almos Jaschik diesen Einfluss wider. Mednyánszkys Gemälde stehen Werken am nächsten, in denen das mystische Erlebnis nicht in der Motivik greifbar wird. Fernand Khnopff bearbeitete in einem Pastell und in einem Ölbild (In Fosset. Rosafarbener Nebel, um 1916, Abb. 7; In Fosset. Abenddämmerung, um 1890/1895, Abb. 8), ein ähnliches Landschaftsmotiv wie Mednyánszky in seinen Gemälden Goldene Lichter im winterlichen Wald 62 (Abb. 9) oder Landschaft (Kat. 175). Der belgische Meister hüllte die Landschaft einheitlich in Nebel, in feinen Dunst. In seinem Bild mit sich spiegelnden Bäumen (Stilles Wasser. Der Teich von Menü, 1894) nimmt das Spiegelbild einen größeren Raum ein und erhält besonderen Nachdruck. 63 Für Khnopff war die Vergegenwärtigung des Inneren wichtiger als der äußere Anblick. Die sich im Wasser spiegelnde Baumreihe ist auch bei Mednyánszky ein häufiges Motiv. Obwohl die Komposition nicht dieses umgekehrte Maßverhältnis ergibt, ist die Stimmung oft ähnlich, sie suggeriert Gefühle, die Suche nach gestaltenden Kräften unter der Oberfläche. Die Landschaft ist selbst in ihren realistischen Darstellungen ein Mittel zur Kontemplation, der Regenvorhang, der Dunst, die vereisten oder im Licht durchsichtig gewordenen Äste, das fast zu selbständigem Leben erwachten dekorativen Felsengitter, wie auch das Licht oder die Spiegelung verweisen auf die Dualität von Wirklichkeit und Vision bzw. vom Spiegelbild, und oft auf deren unentwirrbare Vielfalt {Wasserlandschaft im Lichtnebel, Das Unendliche, Die Bucht bei Cattaro, Kat. 104, Park in der Abenddämmerung). 64 Die Struktur der Kompositionen lässt sich oft als ein Dreieck oder als zwei ineinandergefügte, theosophische (auch bei den Freimaurern vorkommende) Dreiecke bestimmen, aber primär ist in jedem Fall die Betonung der Kraftlinien des Anblicks (Reißender Bach mit Brücke, Abb. 10). 65 Unter den Waldlandschaften Mednyánszkys erscheint häufig das Motiv des Baches zwischen den Bäumen (Spiegel, Winternacht). 66 Auf der Brücke über dem Wasser steht eine winzige, in Betrachtung vertiefte Figur, die eine Vermittlerrolle zwischen den in die Höhe strebenden Bäumen und dem Bereich der Tiefe, dem ruhigen Wasserspiegel oder dem reißenden Fluss spielt (vgl. z. B. Winter /Winternacht. Figur auf der Brücke/, Kat. 48) Bei der Gestaltung der Berglandschaften von pathetischer Stimmung setzt Mednyánszky keine allegorischen Hinweise ein, ganz im Gegensatz zum Beispiel mit Kupkas Grafik, die die gegenseitige Spiegelung von Mensch und Landschaft und ihre innere Einheit suggeriert (Meditation, 1899, Abb. 11). Einige sind noch der melancholischen Gefühlswelt des Fin de Siècle verpflichtet, aber vor allem die Berge sind Schauplätze erschütternder Erlebnisse, die sogar mit dem Tremendum-Erlebnis der Mystiker im Sinne von Béla Hamvas verglichen werden können. Die Vergegenwärtigung der Kraft des Wassers, der gewaltigen Bergmassive, der Härte der Felsen, der aus diesen strömenden, alles umgebenden Kraft suggeriert nicht nur die romantisch-pantheistische Vereinigung mit der Gottheit und die Identifikation mit den Naturvorgängen, sondern auch eine beunruhigende Mehrdeutigkeit. Als hätte sich das „Felsenfieber", die „magnetische Wirkung", von denen Mór Jókai in seinem A jövő század regénye [Roman des zukünftigen Jahrhunderts] im Zusammenhang mit den Karpaten schreibt, zu einem (Selbst)bildnis verdichtet. 67 Es ist gewiss kein Zufall, dass Jókais Beschreibung der Karpaten auch in der Zeitschrift Teozófia veröffentlicht wurde. 68 Jókais „Ihor", eine Erfindung, die alles lösen kann, hätte auch aus einem alchemistischen Experiment geboren werden können, und auch die Grafik Gyula Tichys von ähnlichem Thema ist um nichts weniger phantastisch. Mednyánszkys Hang zu Katastrophen ähnelt der Gelassenheit Leonardos, der sich leidenschaftlich für Feuersbrunst, Hochwasser, Stürme und Schlachten interessierte und in der Schaffung von schönen und „furchterregenden" Orten und Wesen die Manifestation der Macht des Künstlers erblickte: „Die Göttlichkeit, die der Wissenschaft des Malers innewohnt, bewirkt, dass sicher der Geist des Malers zur Ähnlichkeit mit dem göttlichen Geist emporschwingt", aber denkbar wäre vielleicht auch eine theosophische Auslegung. 69 Die Theosophische Gesellschaft wurde eben zum Zweck ins Leben gerufen, neben dem Studium alter Religionen die Kräfte der Natur zu untersuchen und die Energien des Menschen freizusetzen. Da in ihren Schriften der schöpferische Geist, der Gedanke (Logos) eine gewaltige Kraft vertritt, ließ sich durch diesen der Schaffensprozess beobachten, der die Welt zustandebrachte. Annie Bessant beschäftigt sich in ihrem wirkungsvollen Werk Thought-forms (1905) mit der Wirkung von Gedanken und Gefühlen. 70 In den Werken aus Mednyánszkys reifer Periode ist die Andeutung von Strömung, Luft, Wasser, Dunst, Bewegung, Änderung, ewigem Entstehen, dem Zustand von Schöpfung und Vernichtung fast ausnahmslos zugegen. Wohl an diesem Punkt lässt sich der Einfluss der synkretistischen, Elemente und Aggregatzustände, Himmel, Erde, Gottheit und Menschen umfassende Welt- und Menschenauffassung der Theosophie erfassen, wenn es auch bei ihm kein explizites Element für die Auffassung der Berglandschaft oder des Waldes als Ich-Bild gibt wie bei Csontváry die Zeder. Trotz der Einheit von Mednyánszkys Lebens- und Kunstauffassung verspürt man in den Werken eine