Nagy Ildikó szerk.: A Magyar Nemzeti Galéria Évkönyve 1980-1988 (MNG Budapest, 1989)
Buzási, Enikő — Jávor, Anna: BAROCKMONUMENTALITÄT UND BÜRGERLICHE INNERLICHKEIT IN DER UNGARISCHEN MALEREI ZUR ZEIT DER AUFKLÄRUNG
BUZASI, ENIKO-JAVOR, ANNA BAROCKMONUMENTALITÄT UND BÜRGERLICHE INNERLICHKEIT IN DER UNGARISCHEN MALEREI ZUR ZEIT DER AUFKLÄRUNG (Zur künstlerischen Rezeption des Josephinismus) Im Jahre 1770 ließ Graf Cobenzl, bevollmächtigter Minister Maria Theresias in Belgien, der unter den ersten das Großkreuz des Sankt-Stephans-Ordens erhalten hatte, in Löwen ein Bild mit einem ungarischen Thema malen: König Stephan empfängt die Gesandten des Papstes mit der Krone. Das ausgezeichnete Bild des Rubens-Nachfolgers PierreJoseph Verhaghen ist — ungeachtet seines ungarischen nationalen Themas — eine Illustration der aufgeklärten ,, thèse royale", die die Abschaffung der Privilegien des Hochadels und des hohen Klerus bezweckt hat. 1 Zugleich blieb die in der Barockkunst des 17. Jahrhunderts formulierte Ikonographie des heiligen Königs Stephan weiterhin bildnerischer Ausdruck eines nationalen Widerstandes des ungarischen Adels, oder genauer gesagt nahm diese letztgenannte politischeideologische Variante das Thema wiederum auf und gestaltete es entsprechend seinen eigenen Interessen. 2 Die breiteste Auftraggebersschicht bildeten in Ungarn in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts noch immer die Prälaten, vor allem in den monumentalen Gattungen der Malerei. Ihre bedeutendsten — antijosephinistischen — Vertreter haben als Reaktion auf die Herausforderung des Ideensystems der Aufklärung und im Besitz eines zeitgemäßen, europäischen Bildungsgutes, mit einer umsichtigen Programmgebung dazu beigetragen, daß noch einige Hauptwerke der sich bereits in der Untergangsphase befindlichen Barockkunst entstehen konnten. Die Politik des Josephinismus hat nämlich eine Anzahl Reformmaßnahmen bzw. — infolge des Radikalismus ihrer Verwirklichung — entschlossene und profilierte Gegenreaktionen in den Sphären außerhalb der Politik ausgelöst, und zwar im geistigen Leben und daher auch auf dem Gebiet der Kunst. Das künstlerische Programm der um diese Zeit entstandenen Kunstwerke war — als eine mögliche Antwort — nicht selten auch durch das Verhältnis des Auftraggebers zum Ideengut der Aufklärung beeinflußt, also davon, was er davon angenommen bzw. abgelehnt hat. In der ungarischen Wirkungsgeschichte der Aufklarung sind äußerst unterschiedliche Varianten der Rezeption zu beobachten, die allerdings alle in die gleiche Richtung weisen. Die dominierende Variante war das Regierungssystem des Herrschers, der Josephinismus, also eine Abart des aufgeklärten Absolutismus in der Habsburg-Monarchie. Sie suchte im Grunde genommen die bestehende feudale Staatsordnung zu modernisieren, ihre Fehler auszubessern und sie dadurch auf ein höheres Entwicklungsniveau zu heben, um sie damit einen konkurrenzfähigen Partner der übrigen europäischen Staaten werden zu lassen. Eine ähnliche Zielstellung können wir bei der zweiten Variante beobachten. nämlich bei den Vorstellungen über einen aufgeklärten Ständestaat. Diese entstand aufgrund des aufgeklärten Absolutismus, jedoch durch ständige Auseinandersetzung mit ihm. Seine Vertreter, die Mitglieder des aufgeklärten ungarischen Adels waren bemüht, die althergebrachte Ständestruktur im nationalen Geist zu modernisieren. Nicht selten findet man die Anhänger der dritten Variante in ihrer Nähe, nämlich jene adeligen Reformer und nichtadeligen Intellektuellen, die sich über die Debatte des Absolutismus und der adeligen Aufklärung hinwegsetzten und der bürgerlichen Ideologie der Aufklärung entsprechend bereits antifeudale Vorstellungen und Ansichten vertraten. Vor allem aus ihrer Reihe kamen später die sogenannten ..ungarischen Jakobiner". Die katholische Kirche nahm zur Aufklärung bzw. zu deren ungarischer Variante keinen einheitlichen Standpunkt ein. Manche Vertreter des hohen Klerus befürworteten den aufgeklärten Absolutismus, die stärkste Gruppe bildeten aber zweifelsohne jene Gegner der josephinistischen Politik, die sich auf die herkömmliche spätbarocke Ständeideologie stützend zur Zeit des Toleranzpatentes und der Säkularisationsmaßnahmen gegen diese am einheitlichsten auftraten. Doch auch sie haben es versucht, gewisse Teilelemente der Aufklärung der Ideologie der katholischen Kirche anzupassen, um dadurch dem Einfluß der Kirche innerhalb der Forderungen der neuen Zeit Geltung zu verschaffen. Diese zwiespältige Haltung wird auch in ihrem Mäzenatentum transparent und läßt sich daran gut ablesen. 3 Dank seiner festen finanziellen Lage und seinem ausgeprägten Geschmack konnte sich der Bischof von Eger, Graf Károly Esterházy es leisten, nicht nur unter den ausführenden Künstlern, sondern auch unter den Stil Varianten, die am Ende des 18. Jahrhunderts nebeneinander existierten, eine Auswahl zu treffen. 4 Im Jahre 1770 ließ er einen sehenswerten, mit Skulpturen geschmückten RokokoHochaltar für die Jesuiten in Eger errichten; der Meister war Johann Anton Krauss. sein Werk stand auf dem künstlerischen Niveau der besten Schöpfungen des bayerischen Rokoko. Fünf Jahre später gab er seinem Hofmaler Johann Lucas Kracker das Hochaltarbild mit der Disputatio der Hl. Katharina von Alexandrien für die Pfarrkirche in Egerbakta in Auftrag: der Meister hat ein Emblem der ,,raison", die Geste der Disputation, im spätbarocken Kontext der venezianischen Malerei untergebracht. In der Architektur schätzte er die ..Antiken" des Frühklassizismus, in der Malerei entschied er sich für den Wiener akademischen Stil, dafür spricht die Wahl von Professor Hubert Maurer, der bei einem Preisausschreiben