Tanulmányok Budapes Múltjából 11. (1956)
Mályuszné Császár Edit, Kelemen László színháza
Während der kurzen Monate in welchen Ráday Intendant war, wurde das Theater in Wirklichkeit von Joseph Kármán geleitet, und die von ihm verfasste Disziplinarvorschrift ist das wertvollste Denkmal der Tätigkeit des jungen Grafen. Als Ráday und Kármán vom Theater schieden — die ausser or dentUche Undiszipliniertheit der Schauspielertruppe mag sie dazu veranlasst haben — übernahm für kurze Zeit wiederum Protasewitz die Leitung des Theaters. Als sich aber der Herbst einstellte und das Sommertheater nicht mehr verwendet werden konnte, zwang ein Machtwort des Dikasteriums den deutschen Pächter, Graf Unwerth, die Ungarn bei sich aufzunehmen und den geforderten Zensus zu ermässigen. Der stolze deutsche Pächter konnte dies nicht ertragen und übergab das Theater einem bürgerlichen Unternehmer namens Busch, der nicht ungarfeindUch gesinnt war und sogar die Leitung und Bezahlung der Truppe Kelemens auf sich nahm. Die Truppe, die sich nun in gesicherten materiellen Verhältnissen befand und auch vom Orchester des deutschen Theaters Unterstützung erhielt, hätte nun prosperieren können, doch vergingen sich einige ihrer Mitglieder, mit Sehy an der Spitze, neuerdings gegen die Disziplin, weshalb auch Busch sich von ihnen lossagen wollte. Bei der ersten Gelegenheit wurde dies zwar noch vom Dikasterium verhindert, bei dem zweiten schweren Disziplinarvergehen aber, das zum grossen Unglück des ungarischen Theaters, schon nach der misslungenen Martinovics'schen Verschwörung, also zu einer .Zeit geschah, in der sich, jeder Durchschnittsmensch betont aufklärischer Äusserungen enthielt, wurde Busch der Leitung des Theaters durch das Dikasterium enthoben und obgleich die Ungarn das Theater weiterhin benützen durften, waren sie von nun an in materieller Hinsicht auf ihre eigenen Mittel angewiesen. Bin neuerliches Zerwürfnis verekelte auch Kelemen die Sache, obwohl gerade er stets bestrebt war, den edlen Leitgedanken : die nationale Schauspielkunst und die Pflege der Muttersprache in seinen Genossen bewusst zu machen. Darauf konnte nur mehr der Zerfall und die im Frühling 1796 erfolgte endgültige Auflösung kommen. Zwar wirkte die Theatertruppe Kelemens nur kurze 6 Jahre, ihr Einüuss auf die ungarische Kultur war aber umso grösser. Die Besten des Landes waren ebenso eifrige Theaterbesucher, wie die zahlreichen namenlosen kleinen Leute. Gerade deshalb ist es zweckmässig, ihre Darstellungsweise und ihre Wirkung auf das Publikum einer näheren Prüfung zu unterziehen. Das Ideal des Zeitalters war — wie sehr wir uns auch darüber wundern mögen — der Realismus auf der Bühne, genau so, wie heute. Nicht die Ansprüche des Publikums haben sich während der seit dein verflossenen anderthalb Jahrhunderte geändert, sondern unsere Begriffe vom Natürlichen. Den Forderungen ihres Zeitalters entsprechend strebte die Truppe Kelemens nach realistischer Darstellungsweise und erwies sich infolgedessen als fortschrittlich. Daraus lässt sich auch ihre grosse Wirkung ableiten. Diesse Feststellung haben wir in erster Linie vermöge der zurückgelassenen Aufzeichnungen der minderbemittelten IntelUgenz machen können, aus dem literarischen Nachlass von Studenten und von Angehörigen der niederen Geistlichkeit. Auch die ungarisch sprechende ärmere Bevölkerung der Hauptstadt besuchte das Theater, konnte aber von ihren Eindrücken nichts Schriftliches hinterlassen, während das Kunsterlebnis der weniger empfänglichen höheren Klasse viel oberflächlicher war. Die zahlreichsten Zeugnisse der Theaterliebe wurden vom Piaristenlehrer Johannes Endrődy hinterlassen, der zugleich der Chronist des Theaters und der erste ungarische Theaterhistoriker war. Studiert man aufmerksam das Schicksal der ersten ungarischen Theatertruppe, so kommt man zu dem Resultat, das die Auflösung des Theaters nicht durch die Teilnahmslosigkeit der Gesellschaft verursacht wurde, sondern durch den inneren Bruch, den es in sich trug. Das nationale Theater muss eine bürgerliche Institution sein. Der »Taglöhner der Nation« muss von bürgerlicher Gesinnung sein, auch wenn er noch irgendwo in der Tiefe seiner Schublade einen Adelsbrief bewahrt. Den Mitgliedern der ersten ungarischen Theatertruppe aber fehlten die 197