Póczy Klára: Forschungen in Aquincum 1969- 2002 (Aquincum Nostrum 2. Budapest, 2003)

4. Historische Zusammenfassung - 4.3. Zur Frage der Kontinuität in Aquincum (Klára Póczy, Paula Zsidi)

Unter den Trachtgegenständen verdienen die im 5. Jahrhundert charakteristischen Oktaeder-Ohr­gehänge und Schnallen mit Punkteinlage Erwäh­nung. Die in der Nekropole beobachteten Erschei­nungen - das Fehlen von Münzen, neue Tracht, neue Gegenstandstypen — sind überall in den pannonischen Gräberfeldern des 4. bis 5. Jahr­hunderts anzutreffen. Ihr Auftauchen im archäolo­gischen Fundmaterial ist ab den Jahren 375-380 nachzuweisen, und die Forschung betrachtet sie als Folgen einer politischen und militärischen Neuordnung, d. h. als Nachlass neuer, den Grenzschutz verstärkender ethnischer Gruppen (SALAMON-BARKÓCZI 1982, 159; SOPRONI 1978). Demnach hat die Ansiedlung der barba­rischen Verbündeten (hunnisch-gotisch-alanische foederati), die ihr Leben am Limes neben oder gemeinsam mit der Provinzialbevölkerung weiter­führten, im Umwandlungsprozess der gegenständ­lichen Hinterlassenschaft eine große Rolle gespielt (SASEL 1979, 125-139; SALAMON-BARKÓCZI 1984, 147-187). Den Beweis für das römisch-barbarische Zusam­menleben erbrachte ein in unmittelbarer Nähe von Aquincum (Budapest XI. Stadtbez., Gaz­dagrét) freigelegtes Gräberfeld, das zeitgleich ist mit der frühesten Periode der im südlichen Teil der Militärstadt (Budapest III. Stadtbez., Meggy­fa u., Szőlő utca) freigelegten Nekropole. Dieses Gräberfeld liegt an einer sich durch ein Tal in den Bergen von Buda windenden verkehrsreichen Straße auf einer Hügelkuppe, von der aus man die Straße sowohl in östlicher als auch westlicher Richtung Kilometer weit überblicken konnte. In Anbetracht der auf die Verbreiterung der Vertei­digunslinien durch den Einsatz mobiler Verbände abzielenden spätrömischen Defensivstrategie (Von Augustus bis Attila 2000, 35) ist anzunehmen, daß hier die Besatzung eines Beobachtungspostens an der Straße (Signalturm) oder eines mit Vertei­digungsaufgaben betrauten Wachtturms und deren Familienmitglieder bestattet wurden. Die nach der Gräberfeldanalyse (ZSIDI 1987) mögliche Rekon­struktion ergab, daß den Friedhof im ausgehen­den 4. Jahrhundert eine vorwiegend provinziale Elemente vertretende Gruppe eröffnet hat. Diese Gruppe löste später ein - dieselbe Begräbnisstät­te benutzendes und wahrscheinlich mit derselben Aufgabe betrautes — hauptsächlich aus barbari­schen Elementen (Ritus, Tracht, Brauch der Schä­deldeformierung) bestehendes Ethnikum ab, daß den Ort im späten 5. Jahrhundert, ja vielleicht sogar erst zu Beginn des 6. Jahrhunderts verließ. Die „Garnison" der mutmaßlichen Wachtstation, die der ihr übertragenen Aufgabe vom Ende des 4. bis an den Anfang des 6. Jahrhunderts nach­kam, wurde - gemäß der bestehenden topographi­schen Ordnung (Benutzung der Begräbnisstätte) — mindestens einmal ausgetauscht. Wie das obige Beispiel zeigt, blieb die zur Verteidigung der Sta­tion eingeteilte Gruppe selbst dann noch eine Zeit lang an ihrem Platz, als das System, das ihr den Posten zugewiesen hatte, theoretisch längst nicht mehr funktionierte. Ein Ethnikum dieser Prägung, teils lokal, aber dennoch stark barbarisiert, dürfte auf Grund des gegenständlichen Fundmaterials in der sog. Hunnenzeit Aquincum bevölkert haben. Nach dem Zerfall des Hunnenreiches siedelten in Aquincum in kleineren Gruppen germanische Völker, und ab der zweiten Hälfte des 6. bzw. im 7. Jahrhundert gelangte es dann unter die Herr­schaft der Awaren. Uberträgt man die archäolo­gischen Funde aus diesem Zeitalter in die antike topographische Karte, fällt auf, daß das Vorkom­men der Funde an den wichtigen Ubergängen und Straßen sowie im südlichen Teil der spätrömischen Festung und in deren Umgebung kontinuierlich ist (M. 1 NAGY 1993, 359-365; ZSIDI 1999/4, 826, Abb. 3). Die auf der Karte verzeichneten Fundorte scheiden sich jedoch in zwei Gruppen. Zum einen sind es im Gebiet des Militäramphitheaters die von den Herulern und im Umkreis der ehemaligen römischen Villengüter von den Langobarden bzw. den Awaren zurückgelassenen Gegenstände sowie das entlang der alten römischen Verkehrswege geborgene, auf die einander ablösenden Völker­gruppén zurückgehende Fundmaterial. Es kann kein Zufall sein, daß diese aus den nacheinander folgenden Perioden stammenden Funde in erster Linie an den strategisch wichtigen Punkten: an Straßen oder Abzweigungen, in der Nähe von Fährstellen oder gut zu verteidigenden ehemaligen

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