Póczy Klára: Forschungen in Aquincum 1969- 2002 (Aquincum Nostrum 2. Budapest, 2003)

8. Das religiöse Leben Aquincums im Spiegel der jüngeren Forschungen - 8.4. Das Christentum (Klára Póczy)

Dank der oben aufgezählten, neu erkannten frühchristlichen Basiliken und Friedhofskapellen ist die Zahl der publizierten Baudenkmäler dieser Prägung bzw. Funktion seit 1973 auf das Doppel­te angewachsen. Neben den Kirchen, über deren frühchristliche Funktion Gewissheit besteht, ver­dienen an dieser Stelle auch zwei Befunde Erwäh­nung - beide aus dem Inneren des spätrömischen Kastells -, die noch der Klärung bedürfen. In den dreißiger Jahren des vorigen Jahrhunderts zeigten sich anläßlich einer Fundbergung auf dem Fő tér (Hauptplatz) in Óbuda, beim Eingang des Schlosses Zichy, die Reste eines dreischiffigen Bauwerkes. Seine Säulen waren römisch und auch die korinthischen Säulenkapitelle entstammten der späten Kaiser zeit. Im Laufe der vergangenen 30 Jahre kam es auf dem Platz zu mehreren Ret­tungsgrabungen, 17 bei denen eindeutig festgestellt werden konnte, daß man hier monumentale spät­römische Bauten auch im 11. Jahrhundert noch genutzt und den Stadtteil im 13. Jahrhundert dann umgebaut hat. Auf Grund mittelalterlicher topographischer Daten hält man den Gebäude­komplex für die erste Propstei der Zeit Stephans des Heiligen. Das römische Gebäude war von der ostwestlich verlaufenden Hauptstraße des Kastells aus dem 4. Jahrhundert aus zugänglich. Beob­achtungen zufolge wurde es an der Wende 4.-5. Jahrhundert erstmals umgebaut. 18 Die zweite - vermutete - Kirche im Inneren des Kastells, die in der späten Kaiserzeit entstand und ebenfalls bis ins Frühmittelalter in Gebrauch war, mag die Vorgängerin der gegenwärtigen Pfarrkiche von Óbuda gewesen sein. Für eine Nachgrabung gestattete man, ein kleines Stück unter den Kirchenbänken freizulegen. In der auf dem mittelalterlichen Niveau beobachteten Planierungsschicht aus abgerissenem Mauerwerk wurden fast ausschließlich Trümmer spätrömischer Mauerreste, ja sogar zusammenhängende, durch reichlich Mörtel zusammengehaltene Bogenreste 17 U.a. Grabungen M. Németh 1983, Plan 6, Nr. 11 bzw. 1984, Plan 6, Nr. 30 und 1990, Plan 7, Nr. 21. 18 D. Dercsényi, Egy királyi kőfaragóműhely Budán. (La Bot­tega reale degli Scalpellini a Buda nel Secolo XI.) Budrég 13 (1943) 255-293., 519-523. dokumentiert. Die Kirche stand an der Innenseite der südlichen Mauer des Kastells aus dem 4. Jahrhundert (BERTALANNÉ 1984, 35-36). 19 Mit Hilfe der aus den Gebäuden und einzel­nen Gräbergruppen spätrömischer Gräberfelder stammenden Funde sowie der im Bestattungsritus zu beobachtenden Veränderungen ist es also ­anscheinend - gelungen, dem Zeitpunkt näher zu kommen, zu dem die Führung der im nördlichen Teil von Valeria gelegenen Städte Aquincum und Brigetio wechselte. Die Christen befanden sich bereits in der Überzahl, so dass sie die als „heid­nisch" betrachteten Zeremonien der Magistratssit­zungen nicht mehr duldeten. Gewiss war es nicht einfach, mit den seit der Kaiserzeit anerkannten und gewohnten Symbolen des Römischen Impe­riums zu brechen. Die die Sitzungen einleitende Zeremonien der Auguren, die Prophezeihungen, das zum Heil der Götter und des herrschenden Kaiser dargebrachte Opfer wurden abgeschafft, den Bürgermeistern und Ratsmitgliedern verbot man das Tragen der vorgeschriebenen Rangabzei­chen (PÓCZY 1998/3). Der ein neues Programm verkündende Magistrat der Stadt verbannte sogar die Symbole des vorhergehenden Zeitraums, und danach wurden in Aquincum chistliche Kirchen gebaut. Die Forschungen deuteten auf den Zeitpunkt um das Jahr 350 und darauf hin, daß eine Reihe von Kaiser Konstantin II. neu erlassener Verordnungen den Systemwechsel ermöglichte. Früher warf man in den Publikationen im Zusammenhang mit den frühchristlichen Denkmälern von Aquincum bei jeder Gelegenheit die Frage auf, ob es im militä­rischen Zentrum der Provinz Valeria, an diesem wichtigen Punkt der Grenzregion des Donaurau­mes, einen Bischofssitz gegeben hat. „Sofern man annimmt, daß es in Aquincum einen Bischofssitz gab - wozu die neuesten Grabungsergebnisse noch nicht ermuntern -, dürfte sich dieses auf einen 19 Frau V. Bertalan, A Fő-téren feltárt középkori maradvány­ok. (Előzetes ásatási jelentés). [Die am Fő tér freigelegten mittelalterlichen Überreste (Vorläufiger Grabungsbericht)]. BudRég 25 (1984) 394: „Die Mauer der frühmittelalter­lichen Gebäude trennt sich nirgendwo von dem spätrömi­schen Gebäude...".

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