Budapest Régiségei 34. (2001)
STUDIEN = TANULMÁNYOK - Ronke, Jutta: Eine Freiermord-Szene in Raetien? 223-234
Fall auf der rechten Schulter befestigt, die linke Schulter bleibt unbedeckt (Abb. 2-4). Die Exomis, das in der antiken Literatur mehrfach erwähnte, ursprüngliche Fellgewand der Geißhirten, 17 ist in Rahmen der darstellenden Kunst mit einer bestimmten Konnotation versehen: Sie wird verwendet, um die Figuren als der Welt der Arbeit und des Handwerks entstammend zu kennzeichnen. 18 Auffällig ist das Größenverhältnis der Dargestellten (Abb. 1 und 3): Es dominiert die rechte Figur, deren Kopf von kurzem Haar bedeckt ist. Ob es ursprünglich gelockt war, läßt sich aufgrund des Erhaltungszustands nicht mehr sicher beurteilen. Zu seiner Exomis scheint er weiche Stiefel mit einer Art Löwenkopfrand 19 (Abb. 6) zu tragen - ein ikonographischer Zug, der zwar verwundert, in provinzialem Umfeld aber vielleicht nicht weiter zu befremden braucht. Die Gestalt ist in einer Art Kombinationsansicht 20 wiedergegeben: der Unter- und Teile des Oberkörpers sind dem Betrachter frontal zugewandt, während Schultergürtel, Arme und Kopf im Profil nach rechts gezeigt werden. Dagegen ist die kleine Figur in der Bildfeldmitte nahezu frontal dargestellt, schwenkt allerdings ihre Arme seitlich nach rechts oben. Sie hält den Schemel zur Abwehr und zum Schutz vor dem Gegner so, daß er als Schild für ihren mit einer kegelförmigen Kappe (vielleicht einem Pilos?) bekleideten Kopf fungiert. 21 An der rechten Seite wird eine Strähne etwa kinnlangen Haares sichtbar. Im Schutzes des Schemels hat die Gestalt den Kopf leicht nach links gewandt (Abb. 3). Ob sie gewillt schien, eine Art Blickkontakt zur größeren Person links von ihr aufzunehmen oder den Kopf aus dem Bild zum Betrachter wendet, kann angesichts des Erhaltungszustands des Reliefs heute nicht mehr entschieden werden. Die linke untere Bildecke wird von zwei nackten männlichen Körpern gefüllt (Abb. 1 und 2). Der rechte ist liegend aufgestützt, im Dreiviertel-Profil gezeigt, dreht aber seinen Oberkörper aus der Bildfläche heraus in Richtung des Betrachters. Mit dem linken Arm stemmt er sich vom Boden ab, mit der angewinkelten Rechten scheint er sich einen schmalen langen Gegenstand, offensichtlich einen Pfeil, aus einer Wunde auf der linken Brustseite ziehen zu wollen. (Abb. 6) Seitlich rechts hinter ihm, leicht verdeckt durch seine angewinkelten Beine, ist eine nacke Gestalt nach vorne zu Boden gestürzt, scheint nahezu kopfüber in den Boden einzutauchen (Abb. 7) - ein verbreitetes Motiv für Verletzte und Gefallene. 22 Als Zwischenergebnis bleibt somit festzuhalten, daß einer Interpretation als Kampfaktion vorbehaltlos zugestimmt werden darf. Gezeigt ist allerdings nur ein Teil des Geschehens, ausschließlich die abwehrendkämpfende Partei; genauer die Diener der bereits getötet bzw. verletzt am Boden Liegenden. Urteilt man unter dem Aspekt der Bildfeld-Anlage, war die Einbeziehung des angreifenden Gegners für dieses Paneel wohl nicht intendiert. Wie häufig im Bereich des Kunstschaffens der Provinzen, bildet auch beim Relief Weinberg für die Steinmetzen das geschickte Einpassen der Vorlagen in die relativ eng begrenzten Flächen des Objektes unabhängig von dessen Funktion das größte Problem. 23 Dabei lassen sich z.B. kleinere Ungeschicklichkeiten hinsichtlich Komposition oder Details nicht unbedingt vermeiden. Derartige Schwierigkeiten schlagen sich eventuell in einer eklatanten Vernachlässigung von Proportions- und Raumverhältnissen nieder. u.U. können solche vorgeblich ungeschickteren Darstellungsdetails aber inhaltlich von Bedeutung sein: In ihnen kann sich gegebenenfalls weniger ein künstlerischtechnisches Problem als vielmehr eine gewisse inhaerente inhaltliche Gewichtung äußern. 24 Übertragen auf das Beispiel des Weinberger Reliefs sei diese Feststellung folgendermaßen zusammengefaßt: Die rechte seitliche und die untere Hälfte der Darstellung bedecken den Reliefgrund nahezu vollständig. Lediglich zwischen den beiden mit der Exomis Bekleideten findet sich ein wenig freier Grund, außerdem in Schemel - bzw. Gefäßhöhe (Abb. 2 und 3). Um so auffällig-markant ist demgegenüber die große Freifläche in der linken oberen Ecke. Gefüllt bzw. aufgelockert wird sie nur durch eine hochrechteckige Aussparung in der linken oberen Ecke, die rechts in einer bis fast zur Bildmitte geführten, rahmenparallel und -identisch geführten Strebe ausläuft (Abb. 5). Sie läßt den Betrachter, wie es scheint, zunächst etwas ratlos zurück, erweist sich aber schließlich für die Interpretation des Reliefs als äußerst aufschlußreich. 25 Durch Inhalt und Motiv fällt die Darstellung unbestritten auf. Sie hebt sich deutlich vom übrigen, im Band Raetia des CSIR zusammengestellten Material ab. 26 Unter handwerklichem Aspekt allerdings vereint sie ein breites Spektrum an unbeholfenen Zügen: - relativ unproportionierte Körper: alle Gliedmaßen liegen in einer Ebene; - flächige Körperbehandlung der unbekleideten Verletzten und Toten: sie gemahnt an eine flüchtig dahingeworfene Zeichnung; - relativ geringe Relieftiefe: gerade die Figuren der Gestürzten in der linken unteren Bildhälfte verfügen kaum noch über Plastizität; fast kann von einer graphischen Vorgehensweise gesprochen werden. Zu beobachten sind außerdem - starke Disproportionen; hingewiesen sei vor allem auf die kompliziert-mißglückte Wiedergabe der Arme des in Vorderansicht gezeigten, kopfüber Gestürzten (Abb. 7). 27 Allem Anschein nach als erfolgreicher erwies sich der Steinmetz bei den Details in der rechten Bildhälfte. (Abb. 2, 4 und 6) Hier zeigen die Figuren mehr ausgearbeitete Einzelheiten, bleiben aber nichtsdestotrotz der Fläche ausgesprochen verhaftet. Wieder jedoch lassen sich einige Ungeschicklichkeiten beobachten: Als Beispiel sei nur die Darstellung der Hände des Größeren erwähnt, die so auf dem bauchigen Gefäß 224