Budapest Régiségei 34. (2001)

STUDIEN = TANULMÁNYOK - H. Kérdő Katalin - Póczy Klára - Zsidi Paula: Eine fragliche Marmorstatue aus Aquincum 147-155

nicht so bestimmend, daß man von so weit her eine solch teuere Statue bestellt hätte. 19 Das gleiche gilt für Abundantia. Obwohl es aus Aquincum eine sitzende Terrakottaskulptur gibt, welche Abundantia darstellt, 20 gehörte ihr Kult nicht zu der offiziellen Religion 21 und war nicht so stark ver­breitet, daß man ihr zu Ehren eine Statue aus Importmarmor errichtet hätte. In Aquincum ist das Vorkommen der Iuno als selbs­ständige Gottheit nicht wahrscheinlich, da die Verehrung Junos in Pannonién, 22 ebenso wie im Rheinland, 23 gegenüber den Kulten der Minerva, Diana, Fortuna, Nemesis usw. eher im Hintergrund stand. Deshalb findet man ihre Darstellung in Aquincum so selten, und auch dann fast ausschließlich zusammen mit Jupiter. 24 Auch in Inschriften wird sie nur selten und, von wenigen Ausnahmen abgesehen, ebenfalls gemeinsam mit Jupiter erwähnt. 25 Sollte es sich also tatsächlich um Juno handeln, kann man sie unseren gegenwärtigen Kenntnissen nach nur als eine an die kapitolinische Trias gebundene Gottheit sehen. 26 Wenn man sich für diese Möglichkeit entscheidet und die Statue als Juno Regina interpretiert, ist es wahrscheinlich, daß sie ergänzt mit Jupiter und Minerva einen Teil der Capitolinischen Trias bildete. In Pannónia ist aus Scarbantia eine gleichfalls aus griechischem Marmor angefertigte Trias bekannt. 27 Auch in Savaria 28 und Brigetio 29 kamen Denkmäler der Trinität zum Vorschein. Aufgrund von Inschriften­denkmälern, die im nordwestlichen Stadtteil der Zivilstadt von Aquincum gefunden wurden, läßt sich sogar die Existenz eines kapitolinischen Tempels in Aquincum vermuten. 30 Ebenfalls von hier, aus dem Westteil der Zivilstadt, stammt ein größeres Fragment einer eine Opferschale haltenden rechten Hand aus Marmor, 31 welches bislang das einzige monumentalere Marmorbruchstück von diesem Gebiet ist. Die ­obwohl Sekundäre - von ihrem originalen Fundort weit entfernte "zivilstädtische" Herkunft der Statue macht diese Möglichkeit auch topographisch unwahrscheinlich {Abb. 6). Als nächste und wahrscheinlichste Möglichkeit bietet sich Fortuna an. Diese Möglichkeit wird auch von den Zapfenlöchern an den linken Seite der Skulptur begründet, die während der Sorgfaltigen Reinigung sichtbar wurden (Abb. 5). Der Kult der Fortuna war sowohl in der offiziellen, 32 als auch in der privaten Sphäre verbreitet. 33 Besondere Aufmerksam­keit verdient unsere Statue im Hinblick auf die Verehrung der Fortuna Balnearis als Heilgöttin. 34 Ihr wurde von der legio II Adiutrix sogar ein Altarstein gestiftet. 35 Besonders naheliegend erscheint diese Möglichkeit in Anbetracht des Fundortes der Statue ­einem Bad, das sich über einer Reihe auch in der Römerzeit genutzter Thermalquellen erhebt. 36 Es gibt aber bis heute noch keinen direkten archäologischen Beweis, daß das in unmittelbarer Nachbarschaft ste­hende und der Statue qualitativ adäquate römer­zeitliche Gebäude in Aufstellungsort war. 37 Wo sonst konnte unsere Statue stehen? Die zu den Fundort nächste bekannte und ausgedehnte Kultstätte 38 lag an einem Hügelabhang auf der Linie der Szepvölgyi-Straße (Abb. 6). Hier kam neben den zu den Heiligtümern gehörenden bedeutenden Baudenkmälern auch eine meisterhaft gearbeitete Jupiterstatue (Iupiter Teutanus) zum Vorschein. 39 In unmittelbarer Nachbarschaft der Reste des Heiligen Bezirks wurde kürzlich eine ebenfalls aus Marmor gefertigte lebensgrosse Statue (Statthalter?) gefun­den. 40 Diese Kultstätte ist - aufgrund unserer heutigen Kentnisse - hinsichtlich ihrer Funktion, Zeitstellung und auch Bedeutung der naheliegendste Ort, wo unsere Marmorstatue gestanden und von wo man sie leicht zum Lukácsbad geschafft haben könnte. Dénes Gabler wies jüngst darauf hin, daß man dem Import fertiger Skulpturen in Westpannonien vor­wiegend in der den Markomannenkriegen folgenden Zeit des wirtschaftlichen Aufschwungs unter den Severern begegnet. 41 Diese als Luxus geltenden "Einrichtungsgegenstände" waren in erster Linie für die im Rahmen der großen staatlichen Bauvorhaben errichteten neuen Gebäude bestimmt. Neben den großen Staatsaufträgen mögen aber auch kleinere Privatbesteller in den Besitz des einen oder anderen Importgegenstandes einer mit klassischen Traditionen und auf künstlerischem Niveau arbeitenden Werkstatt gelangt sein (siehe Satyrtorso, Minervabüste aus der Zivilstadt). Wir wissen in Aquincum von mehreren Gebäuderenovierungen bzw. Neubauten, die mit den neuen Prinzipien der Stadtgestaltung des severischen Zeitalters im Zusammenhang stehen. 42 Dies dürfte jener Zeitraum gewesen sein, als die sitzende Marmorstatue (Juno oder Fortuna) als Import in Aquincum (Tempel der Kapitolinischen Trias oder Heiligen Bezirk) eintraf. Zu beantworten bleibt nun noch die Frage, wie die Statue, zum zweitenmal beschädigt, ins Lukácsbad gelangte. Vermutlich kam sie irgendwann im Laufe des Mittelalters ans Licht. Der Körper und der Kopf mögen nahe beieinander gelegen haben, so daß ihre Zusammengehörigkeit offensichtlich war. Gerade deshalb ist es wahrscheinlich, daß innerhalb kurzer Zeit nach ihrer Auffindung die meisterhafte Rekonstruktion abgeschlossen werden konnte, der es zu verdanken ist, daß Rumpf und Kopf erneut eine Einheit bildeten. Die Vorliebe der Renaissance für antike Dinge, besonders für Steindenkmäler, ist allge­mein bekannt. 43 So wissen wir beispielsweise von der Antikensammlung des König Matthias. An seinem Hof arbeiteten die hervorragendsten italienischen Meister dieser Zeit, darunter auch Steinmetze, die die klassische Kunst beherrschten. 44 Es ist also nicht auszuschließen, daß die in den - damals noch Sicambria genannten - Ruinen von Aquincum gebor­gene und in die Budaer Burg gebrachte beschädigte Statue von einem italienischen Gaststeinmetzen für die königliche Sammlung ergänzt wurde. Im Zeitalter nach Matthias, zur Zeit der Türkenherrschaft, wäre es 149

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