Nyelvtudományi Közlemények 95. kötet (1996-1997)
Telegdi Zsigmond: Ein früher Versuch die ungarische Morphologie systematisch aufzubauen 13
20 ZSIGMOND TELEGDI Indem die ungarischen Grammatiker ihre Sprache mit der lateinischen verglichen, zeigte sich, daß den lateinischen Kasusendungen im Ungarischen Inflexionen entsprechen; es stellte sich weiter heraus, daß das Ungarische noch andere Inflexionen (namentlich zum Ausdruck von Raumverhältnissen) in großer Anzahl aufweist, deren Äquivalente im Latein Präpositionen sind. Damit erhob sich die Frage, wie weit diese Inflexionen — wenn überhaupt — als Kasuszeichen anzusehen sind. Es ist Verseghys Verdienst, diese Frage nach unsicheren Versuchen seiner Vorgänger prinzipiell aufgeworfen und ihre Lösung bedeutend gefördert zu haben. Es ist ihm klar, daß das Kasussystem einer Sprache nur aus ihr selbst bestimmt werden kann. Die Betrachtung des Ungarischen nach diesem Grundsatz führt ihn zunächst zu dem Ergebnis, daß seine Muttersprache nicht weniger als zwanzig Kasus besitzt (1793. 57). Im Laufe weiterer Untersuchungen mußte er sich dann überzeugen, daß diese Zahl zu hoch gegriffen ist. Er sah sich vor die Frage gestellt, wie Kasusendungen von den übrigen Inflexionen, die am Ende eines ungarischen Substantivs erscheinen mögen, zu unterscheiden sind. Die Antwort, die er findet, lautet: die Verbindung eines Substantivs mit einer Kasusendung muß den bestimmten Artikel annehmen können, d.h. ihrerseits wieder ein Substantiv (genauer: eine der Formen eines Substantivs) sein (1805:45). Die Anwendung dieses Kriteriums streicht vier Einheiten der früheren Liste aus, in einer fünften Endung, die traditionell für ein Kasuszeichen galt, hat Verseghy ein stammbildendes Suffix, eine Formative erkannt, während Kasusendungen Inflexionen sind. Somit schreibt seine revidierte Liste fünfzehn Kasus dem Ungarischen zu.18 Das ungarische Kasussystem wurde vor einigen Jahrzehnten von L. Antal (1961)19 und unlängst von F. Kiefer (1987) mit Methoden der modernen Sprachwissenschaft untersucht. Sie haben Verseghys Ergebnisse im Grunde bestätigt und weitergeführt. Ihre Liste der Kasus im Ungarischen enthält alle, die Verseghy 18 Die vier Suffixe, die Verseghys Wortartkriterium nicht entsprechen, keine Kasus, sondern Adverbien bilden, sind Distributiv (-nkinf), Essiv (-ul), Faktiv (-va) und Soziativ (stuf); die Formative, die nach dem lateinischen Äquivalent seit dem Anfang der ungarischen Grammatik bis Verseghy für das Zeichen des Genitivs betrachtet wurde, ist das Suffix -è, z.B. Ez a ház Péteré "Dieses Haus gehört Péter". (Das Suffix erweist sich als eine Formative, indem Péteré, flektiert werden kann, z.B. Ismerem Pál házát, de Péterét nem "Ich kenne Pauls Haus, aber nicht das von Péter".) 19 Antals wertvolle, zu seiner Zeit bahnbrechende Monographie gibt in einem besonderen Kapitel einen ausführlichen Bericht über die Entwicklung der Kasuslehre in der ungarischen Grammatik vom XVI. Jahrhundert bis zur Gegenwart. In diesem wird auch Verseghys Beitrag behandelt. Antal ist frei von der Beschränktheit, die, neben anderen Gründen, die richtige Einschätzung des Grammatikers lange behinderte. Doch hat er Verseghys Kasuslehre auf Grund ungenügender Kenntnisse nicht richtig beurteilt; namentlich beruht seine Behauptung, jener hätte den Vokativ unter die ungarischen Kasus aufgenommen, auf einem Mißverständnis. Nyelvtudományi Közlemények 95 1996-1997.