Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 52. (2007)

SCHARR, Kurt: Österreichische Archivalien in der Ukraine (Galizien und der Bukowina)

Rezensionen worden sei, sei „Präzision“ kein „Element der mittelalterlichen Lebensform“ gewesen, auch wenn diese die Kirche strenger handhabte und Klöster gar als ursächlich für die moderne, desakralisierte Zeitdisziplin zu betrachten seien: Als Ausgang der Verbreitung einer von Glocken und Horen bestimmten Zeit, die, bald obrigkeitlich überwacht, auch den städtischen Alltag erfasste. Zeit sei so zu einer Frage sozialer Integration geworden, da besonders städtische Lebensformen sich vom Agrarzyklus, dem die Landbevölkerung weiter unterworfen blieb, emanzipierten und Zeit sozial differenzierten. In der Neuzeit sieht Dinzelbacher die Zeit zunehmend profanisiert, verknappt, präzisiert und subjektiviert. Seit 150 Jahren aber, und hier schließt sich der Kreis, bestehe trotz aller Veränderungen eine „longue durée“. Einzuwenden bleibt, dass die gelehrten Zeitdebatten durchaus alltagsrelevant waren, da hier das Wissen entstand, das Uhren möglich gemacht und Kalender standardisiert hatte. Auch der Endlichkeitsdiskurs von Zeit, auf die der Autor verweist, war nicht folgenlos, da sich diese Denkfigur in Form des Wiedereintritts der Eschatologie in die Geschichte seit dem Investiturstreit in religiösen, politischen, wissenschaftlichen und ökonomischen Handlungskontexten oft sehr explosiv auswirkte. Kritik verdient zudem die Behauptung der „longue durée“, weil der Diskurs um Raum und Zeit im langen 19. Jh. und der „linguistic tum“ unser Zeitwissen verändert hat. Diese Innovation ist, wie der Autor weiß, trotz Mittelalterthematik insofern relevant, als es das Begriffsrepertoire bestimmt, mit dem historische Zeit erkannt wird. Mit dem alltäglichen Blick auf Kalender und Quarzuhren blieb das Erzählmuster jedoch etwas einfach und die Verheißung von „nova et vetera“ unakzentuiert. Für die Architektur des Sammelbandes ist dieser Beitrag jedoch wichtig, da dieser im Gegensatz zu den meisten anderen Aufsätzen über das Mittelalter sowie über Zeitbegriff und -Verständnis informiert. In dem darauf folgenden Aufsatz „Arbeitszeit und Arbeitslohn im städtischen Gewerbe“ behandelt Reinhold Reith einen im Kontext der „Great Transformation“ besonders signifikanten Aspekt der Zeitdisziplin frühneuzeitlicher Ökonomie. In Auseinandersetzung mit Sombart diskutiert Reith den Zusammenhang von Lohnform und Arbeitszeit im Spektrum von Zeitlohn, Stücklohn, Akkordlohn, Unterhaltslohn, aber auch von Überstunden, Arbeitszeiten, Pausen, Nachtarbeit und Lichtarbeit, Feiertage, blaue Montage und Feiertagsstreichungen. Dabei folgt er der Tendenz zur Rehabilitation der traditionalen Ökonomie, indem er aus ihrer Binnenperspektive heraus ein differenzierteres Bild entwirft und dabei die Vorwürfe der Ineffizienz und des Mangels an „kalkulatorischem Sinn“ zurückweist, wie es von den Nationalökonomen des 19. Jahrhunderts nachhaltig verbreitet worden ist. Der Widerspruch gilt vor allem der These von der Ursprünglichkeit des Zeit- bzw. Versorgungslohns, der mit der Entfaltung des Kapitalismus durch den Produktion steigernden Stück- oder Akkordlohn abgelöst worden sei. Demgegenüber weist der Autor nach, dass zumeist sehr differenzierte Mischlöhne vorherrschten, die mit Überstundenentlohnung und Prämien, aber auch mit Abzügen bei Nichterreichen des Wochensolls und Unpünktlichkeit zahlreiche 357

Next

/
Thumbnails
Contents