Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 52. (2007)
SCHMIED-KOWARZIK, Anatol: Die 80-Millionenschuld und die wirtschaftlichen Ausgleichsverhandlungen zwischen Cisleithanien und Ungarn
und später seine militärischen Großmachtspräsentation nur durch den Druck ungedeckter Staatsnoten finanzieren konnte. Um einem drohenden Staatsbankrott zu begegnen, wurde die Nationalbank 1854 dazu angehalten, diese Staatsnoten gegen Banknoten einzutauschen.16 Folge war, dass nun die Banknoten nicht die notwendige Silberdeckung besaßen. Aber der Staat verpflichtete sich, der Bank bis 1859 das notwendige Silber zu verschaffen. Allerdings zwang die bewaffnete Neutralität Österreichs während des Krimkrieges erneut zur Ausgabe von Staatsnoten und durchlöcherte von Anfang an diesen Sanierungsplan. Und schließlich machte der Krieg gegen Sardinien-Piemont und Frankreich jegliche Hoffnung auf eine Stabilisierung der Währungssituation unhaltbar. 1862/63 unternahm Finanzminister Plener einen zweiten Versuch. Mit einem neuen Bankstatut, das die staatliche Abhängigkeit der Bank deutlich verringerte und einer zusätzlichen zehnjährigen Verlängerung des Bankprivilegiums - statt bis Ende 1866 sollte es nun bis Ende 1876 gültig sein - wurde die Bank dazu gewonnen, die sich erneut im Umlauf befindlichen ungedeckten Staatsnoten gegen Banknoten einzutauschen und der Staat verpflichtete sich, durch Domänenverkäufe bis 1866 der Bank das nötige Silber zu verschaffen, bis ungedeckte Banknoten nur mehr im Werte von 80 Millionen Gulden im Umlauf waren.17 Diese 80 Millionen stellten dann ein zinsloses Darlehen der Bank an den Staat dar. Nur war der Staat verpflichtet, der Bank bis zu einer Million Gulden jährlich zu zahlen, um den Aktionären eine Dividende von sieben Prozent zu ermöglichen. Dies war die so genannte 80-Millionenschuld.18 Weil dieser Kredit aber zinslos war und mindestens bis Ende 1876 nicht abbezahlt werden musste, wurde er nicht mit dem Großteil der anderen Staatsschulden unifiziert und erhielt nicht deren Zinssatz, sondern blieb eben zinslos. Es entstanden hieraus also zunächst keine Kosten, allerdings mit Ausnahme der Dividendenaufbesserung für die Aktionäre.19 Bei den Verhandlungen zum ersten Wirtschaftsausgleich 1867 bezüglich der Staatsschuld vergaß die cisleithanische Seite nun darauf, über die 80- Millionenschuld eine Einigung mit Ungarn zu erzielen und zwar sowohl für die möglichen Dividendenzahlungen, als auch für die Tilgung der Schuld überhaupt. Dies versuchte sie ab 1868 nachzuholen. Sie meinte, die 80-Millionenschuld gehöre logisch zu den unifizierten Schulden, auch wenn sie - weil zinslos - faktisch hier nicht inbegriffen sei. Sollte es jedoch Die 80-Millionenschuld und die wirtschaftlichen Ausgleichsverhandlungen 16 Brandt: Der österreichische Neoabsolutismus, Bd. 2, S. 688. 17 Mit den neu zu übernehmenden Staatsnoten waren 1862 Banknoten für 221 Millionen Gulden ungedeckt. März, Eduard — Socher, Karl: Währung und Banken in Cisleithanien. ln: Die Habsburgermonarchie 1848-1918, Bd. I, Die wirtschaftliche Entwicklung, hrsg. von Alois Brusatti. Wien 1973, (S. 323-368) S. 328. 18 Wysocki, Josef: Die österreichische Finanzpolitik. In: Die Habsburgermonarchie 1848-1918, Bd. I, hrsg. von Brusatti, (S. 68-104) S. 87. 19 H ö 1 z 1 : Ausgleichs Verhandlungen, Bd. I, S. 61. 183