Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 51. (2004)

DEUSCH, Engelbert: Ein Versuch die österreichische Protektion auf das Fürstentum Montenegro auszudehnen

Engelbert Deusch Trotz der momentanen Anhänglichkeit an Österreich werde es immer ein zweifelhaftes Unternehmen bleiben, diese Absichten der österreichischen Regierung zu realisieren. Das heißt nicht, dass Russland schon zu fest Fuß gefasst hätte und nicht verdrängt werden könnte. Russland habe noch weniger Chancen auf anhaltenden Einfluss als Österreich. Die Hindernisse lägen 1) in der völkerrechtlich ungeklärten Stellung des Landes - es ist faktisch unabhängig, aber völkerrechtlich nicht anerkannt, 2) in der Unmöglichkeit eine gesetzliche Ordnung einzuführen, weil die Stellung ungeklärt ist, 3) im Charakter des jetzigen Fürsten. Die Zwitterstellung Montenegros weise zu einem immerwährenden Krieg mit der Pforte, die den Frieden nicht erhalten könne, weil sie den Hass der Grenzbevölkerung gegen Montenegro nicht in die Schranken weisen könne. Das sei ein Keim zu ewigen Kämpfen. Fürst Daniel könne wirksam keine Gesetze einführen. Der Erstbeste, der sich gegen sie auflehnen wolle oder ein Verbrechen begehe, könne zu den Türken flüchten und finde bei diesen willige Unterstützung gegen sein Mutterland. Dieser Zustand des Krieges und ewiger Selbsthilfe jedes Einzelnen mache den Montenegriner unbeugsam und ungehorsam. Es wäre selbst für den besten Fürsten ohne eine gut organisierte Unterstützung eines fremden Staates ein schwer zu überwindendes Hindernis. Jeder Staat, der sich Montenegro in Zukunft sichern wollte, müsste ein durch die Diplomatie Europas anerkanntes Protektorat erwerben, in dem die Formen der Intervention festgelegt und seine Grenzen vertragmäßig bestimmt und anerkannt seien. Alle andern Schritte [...] kann ich nur als Palliationsmittel69 ansehen, welche zwar die Sympathien für Österreich wach erhalten werden, welche aber durchaus nicht die Garantie bieten, dass ähnliche Wirren - wie die eben beigelegten- sich von Zeit zu Zeit wiederholen werden. Aber selbst bei dem wirklichen Eingehen in diese Idee von Seite der k. k. Regierung, wäre das Vorhandensein eines charakterfesten intelligenten Fürsten eine unausweichliche Notwendigkeit. Fürst Daniel ist nichts weniger als das. Selbst bei den günstigsten Verhältnissen und Annahmen wäre sein Charakter eher geeignet, einen schon gesetzlich organisierten Staat in Verwirrung zu bringen, als einen unkultivierten zu bilden und vernünftig zu regieren. Maßloser Ehrgeiz ohne alle Bildung, ohne aller persönlichen Würde, die bei diesem wilden Volke so notwendig ist, sind die Grundzüge seiner Persönlichkeit. Den Mangel an Ansehen sucht er zeitweise durch Willkür zu ersetzen, was ihn noch verhasster macht. Stratimirovich war der Überzeugung, der Fürst sei der Meinung, „der Kaiser von Russland und von Österreich werde ihn selbst gegen den Willen seiner Nation in seiner Stellung erhalten,“ die ihm die Behauptung derselben möglich gemacht haben. Neben seinem knabenhaften Benehmen „erwähne ich noch“, dass er die Senatoren wie die 69 Hilfsleistung von nur vorübergehender Wirksamkeit. 166

Next

/
Thumbnails
Contents