Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 51. (2004)
DEUSCH, Engelbert: Ein Versuch die österreichische Protektion auf das Fürstentum Montenegro auszudehnen
Ein Versuch die österreichische Protektion auf das Fürstentum Montenegro auszudehnen Hochgebirge, würde bei der vorgerückten Jahreszeit für eine reguläre Armee selbst dann noch unsägliche Hindernisse darbiethen, wenn die Bevölkerung der durchzumarschirenden Landstriche türkischfreundlich gesinnt wäre. Nun sind aber, wie die neuesten Nachrichten als bestimmt heraussteilen, die christlichen Stämme an den Grenzen Albaniens zwischen den Quellen der beiden Drin und Bojana dem Unternehmen der Montenegriner entschieden zugeneigt; es bliebe also dem Omer Pascha die Alternative übrig, von einem der Punkte der Herzegowina oder des südlichen Bosniens aus die Offensive gegen Montenegro zu ergreifen. Die in den besagten Provinzen befindliche Truppenzahl scheint aber zu diesem Zwecke ganz ungenügend. Dem Versuche Omer Paschas aus den bis jetzt noch am stärksten von türkischen Truppen besetzten Provinzen Rumeliens und den Festungen am Gestade des Archipelogus, zu diesem Zwecke Streitkräfte herbeizuziehen und in Bosnien zu konzentrieren, kann bei der unter den obigen Voraussetzungen sicheren Intervention Serbiens seiner günstigen Lage gemäß durch eine leichte Besetzung der Novibazar- und Ibar-Linie wirksam entgegengetreten werden. Man sieht aus dieser kurzen aber getreuen Schilderung der tatsächlichen Verhältnisse, dass der beginnende Krieg Montenegros bei den unbezweifelten Sympathien der christlichen Bevölkerung Serbiens für die Türkei gerade zu einer den Besitz dieser Länder in Frage stellende Kombination herbeiführen könne. Die ungewöhnliche Wichtigkeit dieser brennenden Frage tritt erst in ihrer ganzen umfassenden Bedeutung hervor, wenn man erwägt, daß England bereits im Parlamente den neuesten Ereignissen in Montenegro die sorgfältigste Aufmerksamkeit schenkte und daß die für Österreich noch immer nicht ganz ungefährliche ungarische Emigration sich leicht der auf diesem Punkte auftauchenden Wirrnisse in ihrer Art bemächtigen könnte, wodurch sich die Notwendigkeit von selbst herausstellt, daß in dieser Angelegenheit, um größeres Übel zu vermeiden, gleich von Vomeherein mit möglichster Energie eingeschritten werden müsse. Wird dabei der persönliche Charakter des Fürsten Daniel in Betracht gezogen, so scheint für den österreichischen Staatsmann daraus die dringende Aufforderung hervorzugehen, dem jüngsten Ereignisse die hohe Beachtung zu widmen und jede Phase desselben mit wachsamem Auge zu verfolgen. Fürst Daniel zählt kaum 22 Jahre. Gleich den übrigen Montenegrinern von seiner frühesten Jugend durch Leibesübungen an die Lust zum Kriege gewöhnt, und für die Beschwerden desselben abgehärtet, ist seine geistige Erziehung ziemlich vernachlässigt worden. Von der Zivilisation des Abendlandes, das er bei seinen kurzen Besuchen nur oberflächlich kennen gelernt, hat er kaum andere Eindrücke empfangen, als einen großen Hang zu Glanz und Luxus, und den Ehrgeiz, seine Stellung möglichst hervorragend zu machen. Er spricht nur serbisch und italienisch und besitzt bedeutende Neigung für den Militärstand, aber wie ich zu glauben Ursache habe, mehr aus Gefallen für den äußern Prunk desselben als aus wahrhaft innerem Beruf, so daß er mir bei einer früheren Gelegenheit im Laufe des Gespräches sogar den Antrag machte, ihm bei einem Reiterregiment Seiner Apostolischen Majestät, eine Officiersstelle zu verschaffen; er besitzt ferner viel persönlichen Muth, und hat bei der letzten Opposition der ihm friedlich gesinnten Parthei große Energie entwickelt, ist jedoch bei dem Bewußtsein seiner ihm vollkommen klar gewordenen untergeordneten Bildung dem Einflüsse intelligenter Persönlichkeiten durchaus nicht unzugänglich. Er zeigt den festen Willen sich berühmt zu machen, und ist der Idee der Vereinigung der Südslaven mit Begeisterung ergeben, wie er denn nach seiner Rückkehr aus Rußland vor den versammelten Häuptern seines Volkes folgende verhängnisvolle Worte, in denen der Schlüssel des letzten Ereignisses zu liegen scheint, gesprochen hat: ,Ich bin nicht in Eure Mitte gekommen, um Euch nur friedlich zu regieren, sondern ich will mir unsterblichen Ruhm erwerben, wollt ihr mir gehorchen und mir behilflich sein ihn 151