Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 50. (2003) - 200 Jahre Russisches Außenministerium
LEITSCH, Walter: Die ersten 300 Jahre in den Beziehungen zu Österreich
Walter Leitsch aus. Nach dem Tod Augusts II. von Polen, wählten die Polen Stanislaw Leszczyriski zum König, doch auf Grund einer Vereinbarung zwischen Zarin und Kaiser setzte die russische Armee Augusts Sohn August ein. Das führte zu einem Krieg zwischen Österreich und Frankreich, in dem es jedoch weniger um Polen als um Lothringen und um italienische Gebiete ging.32 Der Konflikt endete glimpflich für Österreich, weil 1735 eine russische Armee zur Unterstützung Österreichs anmarschierte.33 Als Gegendienst sollte der Kaiser in dem folgenden Türkenkrieg (1737-1739) Russland kräftig unterstützen, doch der Einsatz der Österreicher war so schwach, dass der russische Bundesgenosse am Ende sogar schon Erobertes wieder aufgeben musste.34 Das trübte natürlich die Beziehungen, aber gravierender war, dass nach längeren Thronwirren eine Tochter Peters des Großen, Elizaveta Petrovna, den Thron bestieg; dabei waren ihr Franzosen behilflich. Während Maria Theresia in den ersten Regierungsjahren sehr zu kämpfen hatte, fehlte der alte Bundesgenosse. Doch eine neue Generation von westeuropäisch gebildeten Adeligen wuchs in Petersburg heran, und für einige Zeit hatte eine Gruppe entscheidenden Einfluss, die sich die Prinzipien der Gleichgewichtspolitik zu Eigen gemacht hatte. Sie war bereit, Preußen, das die Schwäche Maria Theresias genutzt und Schlesien erobert hatte, wieder auf seine alte Größe zu reduzieren. Der Vertrag von 1726 wurde 1746 erneuert35 und zehn Jahre später hat Russland mit Österreich zusammen den renversement des alliances vollzogen und ist in den Siebenjährigen Krieg eingetreten. Fast hätte man das Ziel erreicht, doch Elizaveta starb zu einem für Österreich sehr ungünstigen Zeitpunkt und ihre Nachfolger wechselten ins Lager der Freunde Preußens über. So hat Österreich Schlesien nicht zurückerhalten.36 * * Für den nun nahenden Krieg mit dem Osmanischen Reich war den Russen nun der Bundesgenosse abhanden gekommen. Die großen Erfolge Russlands in diesem Krieg beunruhigten die Österreicher so sehr, dass sie sogar überlegten, wie man den Osmanen helfen und eine weitere Stärkung Russlands vermeiden könnte. Bei den Friedensverhandlungen musste Russland Bedenken Österreichs berücksichtigen, das an dem Krieg gar nicht teilgeKonopczyriski: 2, S. 205-214. Köster, Maren: Russische Truppen für Prinz Eugen. Politik mit militärischen Mitteln im frühen 18. Jahrhundert. Wien 1986 (= Militärgeschichtliche Dissertationen österreichischer Universitäten 6). 34 Stavrianos:S. 183-186; S u I’m an, E. B.:0 pozicii Rossii v konflikte s Turciej v 1735-1736 gg., in: Balkanskij istoriceskij sbornik 3 (1973), S. 5-61; Roi der, Karl A. jr.: The Reluctant Ally. Austria’s Policy in the Austro-Turkish War, 1737-1739. Baton Rouge (1972). Karge, Paul: Die russisch-österreichische Allianz von 1746 und ihre Vorgeschichte. Nach russischen und österreichischen Quellen. Göttingen 1887. Wieder beeindruckte eine nach Westen marschierende russische Armee die Gegner. Mährer, Eva: Die englisch-russischen Beziehungen während des Österreichischen Erbfolgekrieges. Diss. Wien 1972. 36 Kaplan, Herbert H.: Russia and the Outbreak of the Seven Years’ War. Berkeley and Los Angeles 1968; Jako vle v, N. N.: „Diplomaticeskaja revoljucija” nakanune Semiletnej vojny, in: Novaja i novejsaja Istorija (1990) 3, S. 53-62; Bangert, Dieter Ernst: Die russisch-österreichische militärische Zusammenarbeit im Siebenjährigen Kriege in den Jahren 1758-1759, Boppard (1971), (= Militärgeschichtliche Studien 13). 76