Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 50. (2003) - 200 Jahre Russisches Außenministerium

AUGUSTYNOWICZ, Christoph: „Ablegations-negocien von keiner erhöblichkeit“? – Wirken und Wirkung der Moskauer Großgesandtschaft in Wien 1687

Übersetzer bei den Audienzen eingesetzt, war jedoch nicht Mitglied der Kommissi­on.25 Die Verhandlungen dauerten bis Ende April 1687 und beanspruchten vier Konfe­renzen. Die Passivität und das reduzierte Interesse der kaiserlichen Politiker zeigte sich bereits zu Beginn der Verhandlungen darin, dass sich Reichsvizekanzler Kö­nigsegg vertreten ließ. Die vorbereitenden Erörterungen mit dem pod jacij Kuzma Nefimonov im Jänner des Jahres hatte der Kaiser hingegen teilweise sogar persön­lich geführt.26 Die Moskauer gingen jedoch mit umso mehr Initiative vor: Wieder erinnerten sie daran, dass bereits 1684 auf kaiserliche Vermittlung bei den Frie­densverhandlungen mit Polen-Litauen Wert gelegt worden war; ferner habe sich die Republik Venedig den polnisch-litauischen Wünschen nach einem dauerhaften Frieden angeschlossen.27 Auf der zweiten Konferenz am 2. April setzten die Mos­kauer Gesandten ihren offensiven Bemühungen, nicht von der Heiligen Liga isoliert zu werden, noch nach. Sie kündigten einen Feldzug gegen die Krim an, der - so die Moskauer Argumentation - die Tataren von Angriffen auf Polen abhalten und in weiterer Folge auch das Reich schützen sollte. Zum Abschluss des Gespräches verlangten sie Kopien vom Schriftwechsel zwischen dem Kaiserhof und der Hohen Pforte während des Jahres 1686.28 Auf ein derart offensives Vorgehen war die kaiserliche Seite erstaunlich schlecht vorbereitet. Zehn Tage vergingen, bevor die kaiserliche Kommission reagierte.29 Sie blieben wegen der militärischen Hilfe unbestimmt; wegen diplomatischer Kontakte zum Osmanischen Reich bekundeten sie Aufrichtigkeit: Der mit der Eroberung Ungarns betraute Markgraf von Baden habe im Zuge der kaiserlichen Offensive „Ablegations-negocien von keiner, erhöblichkeit“? 25 Leopold I. an Zierowsky, Wien 1687 Februar 21, Konzept, HHStA Wien, Russland I, Kart. 15, Jänner - März 1687, fol. 71r; die Namen der Moskauer und der kaiserlichen Verhandlungspartner nach Pamjatniki 6 und 7, Sp. 1232-1234, 1238-1240 und Sp. 94-97; Protokoll der Konferenz mit den Moskauer Gesandten, Wien 1687 März 29, HHStA Wien, Russland I, Kart. 15, Jänner - März 1687, 88r; zu Zierowskys Rolle bei der Schaffung des polnisch-österreichischen Bündnisses 1682 siehe Stranzl, Harald: Frankreichs Osteuropapolitik in den Türkenkriegen: Ludwig XIV., die Reunionen und das Jahr 1683. Diss. Graz 1993, S. 131; zu seinen Kontakten siehe Kaminski: Republic. S. 129. 26 Gutachten von Baden/Königsegg/Strattmann, Wien 1687 Februar 18, HHStA Wien, Russland I, Kart. 15, Jänner - März 1687, fol. 52r; zur Entwicklung und Bedeutung der eigenhändigen Appro- bierung von Berichten durch den Kaiser als Machtkonzentration siehe S i e n e 11: Konferenz. S. 377-382. 27 Protokoll der Konferenz mit den Moskauer Gesandten, Wien 1687 März 29, HHStA Wien, Russ­land 1, Kart. 15, Jänner - März 1687, fol. 88'-91'. 28 Protokoll der Konferenz mit den Moskauer Gesandten und Proposition der Gesandten vor den kaiserlichen Räten, Wien 1687 April 2, HHStA Wien, Russland I, Kart. 15, April 1687, fol. 8r-l lv und 5'-6v; zum vorbereitenden Schreiben der Moskauer Gesandten siehe Pamjatniki 7 Sp. 126-131; siehe dazu auch K a m i n s k i: Republic. S. 122. 29 Antwort der kaiserlichen Räte an die Moskauer Gesandten, Wien 1687 April 12, HHStA Wien, Russland 1, Kart. 15, April 1687, fol. 61'-64v. 49

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