Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 48. (2000)

AUER, Leopold: Das Haus-, Hof- und Staatsarchiv und die Geschichtswissenschaft. Zum 250 jährigen Jubiläum seiner Gründung

Das Haus-, Hof- und Staatsarchiv und die Geschichtswissenschaft Für Italien hat die österreichische Herrschaft über weite Teile der Halbinsel im 18. Jahrhundert umfangreiche Quellenbestände entstehen lassen, die heute über­wiegend in den Serien des Italien-Spanischen Rates im Haus-, Hof- und Staatsar­chiv vereinigt sind. Ausgewertet wurden und werden diese Bestände von regelmä­ßig wiederkehrenden italienischen Forschem wie Antonio di Vittorio und seiner Schule, Carlo Capra, Marcello Verga oder Angelo Ara41. Vor allem für die Ge­schichte Neapels während der Zeit der österreichischen Herrschaft sind diese Be­stände unersetzlich, wie schon die große Monographie Heinrich Benedikts über das Königreich Neapel unter Karl VI. aus der Zwischenkriegszeit gezeigt hat42. In noch größerem Maße gilt die Bedeutung des Haus-, Hof- und Staatsarchivs für die Erfor­schung der Geschichte der Balkanländer und Griechenlands, denn für einen großen Teil der Neuzeit könnte diese Geschichte ohne Kenntnis des Wiener Materials gar nicht geschrieben werden. Bloß zwei Namen für viele: Eudoxiu de Hurmuzaki hat bei mehreren Archivbesuchen im vorigen Jahrhundert, damals noch im Reichs­kanzleitrakt der Wiener Hofburg, das Material für seine umfangreichen Quellen­sammlungen und Darstellungen zur rumänischen Geschichte gesammelt4’; Poly- chronis Enepekides hat in den Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg als regel­mäßiger Besucher des Haus-, Hof- und Staatsarchivs zu Themen der griechischen Geschichte seit der frühen Neuzeit geforscht und die Ergebnisse seiner Forschun­gen in zahlreichen Veröffentlichungen vorgelegt44. Einen großen Auftrieb für die Intemationalität des Haus-, Hof- und Staatsarchivs im Zusammenhang mit der Erforschung der internationalen Beziehungen in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts brachte die nach dem Ende der Monarchie erfolgende weit gehende Öffnung des Archivs. Das Grenzjahr für die Benützung von Archivalien war bis zur Direktion Ameths das Jahr 1740. Ameth setzte dann 1815 als Grenzjahr fest, das vom Ministerium 1885 auf 1830 und 1905 auf 1847 verkürzt wurde. Archivalische Forschungen für die Zeit seit 1848 waren im Haus-, Hof- und Staatsarchiv während des Bestehens der Monarchie somit nur mit beson­Briefwechsel zwischen Ferdinand I., Maximilian II. und Adam von Dietrichstein 1563-1565, be- arb. von Arno Strohmeyer. Wien 1997. 41 Vgl. dazu Verga, Marcello: Dilatar l’impero in Italia, Rom 1995 und die Hinweise bei Auer, Leopold: Carlos VI: Tema y materia de las ciencias historicas. In: Cuademos de historia modema 15 (1994), S. 191-198, hier S. 195. 42 Benedikt, Heinrich: Das Königreich Neapel unter Karl VI., Leipzig 1927. 43 de Hurmuzaki, Eudoxiu: Documente privitore la istoria Romanilor, 28 Bde, Bukarest 1876- 1893; Derselbe: Fragmente zur Geschichte der Rumänen, 5 Bde, Bukarest 1878-1900. 44 Vgl. als Beispiele Enepekides, Polychronis: Neue Quellen und Forschungen zur Geschichte und Kultur der Griechen in der österreichischen Monarchie, ln: Berliner Byzantinische Arbeiten 15 (1960), S. 197-236; Derselbe: Archivforschungen in Wien, München und Paris zur Ge­schichte des Europäischen Philhellenismus, ln: Association internationale d’études du sud-est eu- ropéen 4 (1969), S. 339-342; Derselbe: A/.cf ovöpor 3 ipi|Ä<nii|r; lj aixpuvcdofa loü oi; tip Auoiptov, 1821-1828. Athen 1969. 65

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