Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 48. (2000)

AUER, Leopold: Das Haus-, Hof- und Staatsarchiv und die Geschichtswissenschaft. Zum 250 jährigen Jubiläum seiner Gründung

Leopold Auer zukommt22 *. Nicht zuletzt unter dem Einfluss dieses Werks wurde die Beschäftigung mit den Problemen der untergegangenen Donaumonarchie plötzlich zu einem Lieblingsthema amerikanischer Geschichtswissenschaft. 1957/59 kam es in den Vereinigten Staaten und in Österreich zur Gründung eigener Komitees zur Erfor­schung der Geschichte der Habsburgermonarchie, aus denen in weiterer Folge in den Vereinigten Staaten das Austrian History Yearbook, in Österreich das von einer eigenen Kommission der Akademie der Wissenschaften herausgegebene Sammelwerk über die Habsburgermonarchie erwuchsen25. In den zwei darauf fol­genden Jahrzehnten bis zu der durch den Ölschock ausgelösten Dollarschwäche kamen amerikanische Historiker in großer Zahl und in regelmäßigen Abständen an den Minoritenplatz, um sich mit der Geschichte der Habsburgermonarchie zu be­schäftigen. Paul Bernard, Ronald Coons, Arthur Haas, Charles Ingrao, Charles und Barbara Jelavich, Karl Roider, John P. Spielman und viele andere mehr haben so auf der Grundlage von Beständen des Haus-, Hof- und Staatsarchivs wichtige Bei­träge zur österreichischen Geschichte geleistet24. Robert Kann selbst kam seit den Fünfzigerjahren während der Universitätsferien und schließlich nach seiner Über­siedlung nach Österreich als häufiger Besucher ins Archiv. Er ist mir als ebenso vielseitig gebildeter wie humorvoller Gelehrter in Erinnerung, der eine besondere Gabe des Erzählens hatte und auch durch verwandtschaftliche Beziehungen dem kulturellen Leben seiner Zeit eng verbunden war25. Die Intemationalisierung in der Erforschung der Geschichte der Habsburgermon­archie ist keineswegs ein Phänomen, das auf die amerikanische Geschichtswissen­schaft beschränkt ist. In Frankreich haben sich Victor-Lucien Tapié mit Maria Theresia, Jean Bérenger mit der Zeit Leopolds I., Jean-Paul Bled mit Franz Joseph beschäftigt26. Der Austrokanadier Franz Szabó hat in anregender Weise den Ein­22 Kann, Robert A.: The multinational Empire, 2 Bde, New York 1950. 1964 erschien die deutsche Übersetzung unter dem Titel „Das Nationalitätenproblem in der Habsburgermonarchie“ im Verlag Böhlau. 25 Vgl. Wandruszka, Adam - Urbanitsch, Peter (Hrsg.): Die Habsburgermonarchie 1848- 1918. Bd 1. Wien 1973, S. XI-X1X. 24 Vgl. etwa Bemard, Paul R.: The Limits of enlightenment. Joseph II and the Law, Urbana 1979; Coons, Ronald E.: Steamships, statesmen, and bureaucrats. Austrian Policy towards the Steam Navigation Company of the Austrian Lloyd, Wiesbaden 1975; Haas, Arthur S.: Metternich, Re­organization and Nationality 1813-1818, Wiesbaden 1963; Ingrao, Charles W.: In Quest and Crisis. Emperor Joseph I and the Habsburg Monarchy, West Lafayette 1979; Jelavich, Charles und Barbara: The Balkans in transition, Hamden Conn. 1974; Roider, Karl: Austria’s Eastern Question, Princeton 1982; Spielman, John P.: Leopold I of Austria, London 1977. 25 Vgl. zu ihm auch Czeike, Felix: Historisches Lexikon Wien. Bd. 3, Wien 1994, S. 445 f. mit Hinweisen auf weitere Literatur. 26 Tapié, Victor-Louis: L’Europe de Marie-Thérése, Paris 1973; Bérenger, Jean: Finances et absolutisme autrichien dans la seconde moitié du XVIIe siede, Paris 1975; Bled, Jean-Paul: Franz Joseph - Der letzte Monarch der alten Schule, Wien Köln Graz 1988. 60

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