Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 48. (2000)

TELESKO, Werner: Die Seitenbilder der Marienkirche in Sulz im Wienerwald. Ein Beitrag zur Frömmigkeitsgeschichte im maria-theresianischen Zeitalter

Werner Telesko Monarchin74 75. Darüber hinaus wollte Maria Theresia diese Bücher auch im Volke verbreitet wissen und unterstützte deshalb ausdrücklich eine deutsche Übersetzung der umfangreichen Hauptwerke Mésenguys”. In den fünfzehn Jahren von seiner Ernennung zum Beichtvater Maria Theresias bis zu seinem Tod nahm Müller, der für eine intensive Verbreitung des Jansenistenschrifttums sorgte76, eine führende Stellung im Wiener Kreis der Jansenisten ein und versäumte es nicht, auch der Kaiserin die Sache der Jansenisten ans Herz zu legen77 78. Die Ernennung Müllers zum Beichtvater der Kaiserin im Jahr 1767 bildete nur den Schlusspunkt einer Politik, die darauf abzielte, die jesuitischen Beichtväter langsam durch ihre janseni- stischen Gegenspieler zu ersetzen™. Die Bedeutung dieses Wandels wird auch dar­an erkennbar, dass im geistigen System des Jansenismus - auf Grund der dort vor­handenen großen Bedeutung der Begriffe Schuld und Sündhaftigkeit - der Beicht­vater eine überragende Rolle einnahm79 80 81. Die Berufung der jansenistischen Hof­beichtväter wurde aber erst durch entsprechende „philojansenistische“ Tendenzen bei den Habsburgem möglich*". Der jansenistische Reformkatholizismus bot Maria Theresia die Chance, der Kritik der Aufklärung nicht nur standzuhalten, sondern eine Kirchenreform mit der Absicht praktischer Aufklärung auf der Basis einer staatskirchlichen und antikurialen Auffassung einzuleiten*'. Maria Theresias Bestreben ging offensichtlich in die Richtung einer „Mitarbeit an einer inneren Reform der Kirche im Sinne der Rückkehr zur urchristlichen Ein­fachheit und Innerlichkeit“*2. Die Rückbesinnung auf die einfache Organisation und die „Glaubensreinheit“ der Urkirche sowie die damit verbundene Betonung der Funktion und der Rechte des Pfarrers als das wichtigste Element der kirchlichen Hierarchie waren in der reformkatholischen und jansenistischen Zeitströmung grundgelegt und forderten die Reform der Pfarreinteilung8’. An den Seelsorger wurden in dieser Hinsicht höchste Anforderungen hinsichtlich des Praxisbezugs und einer humanen Pädagogik gestellt84. Der Weg „durch das mittelalterlich­scholastische Gestrüpp“ (Peter Hersche)85 zurück zu den reinen Anfängen des 74 Walter: Stellung, S. 39; Hersche: Spätjansenismus, S. 151. 75 Hersche: Spätjansenismus, S. 151 und S. 359. 76 Ebenda, S. 131, 133. 77 Ebenda, S. 125, 132. 78 Ebenda, S. 134 f. 79 Ebenda, S. 135. 80 Ebenda, S. 148. 81 Ebenda, S. 159, 375. 82 Wandruszka : Staatsgedanke, S. 183. 83 Derselbe: Geheimprotestantismus, S. 97; Derselbe: Maria Theresia - Die große Kaiserin, S. 62. 84 Hersche: Spätjansenismus, S. 374. 85 Ebenda, S. 364. 394

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