Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 48. (2000)
PASETZKY, Gilda: Zwei Wiener Jakobiner und ihre Reise nach Frankreich
Zwei Wiener Jakobiner und ihre Reise nach Frankreich Die Wiener Polizei reagierte mit Repressalien und ersten Verhaftungen unter den Fremden und den (angeblichen) Sympathisanten der Französischen Revolution. Spitzel überwachten Gaststuben, Kaffees und andere Treffpunkte, die von „Unzufriedenen“ besucht wurden. Jede ablehnende Äußerung gegenüber der Kriegspolitik des Herrscherhauses wurde unter diesen Umständen zum persönlichen Risiko. Politische Gespräche wurden in der Folge immer mehr aus dem öffentlichen in den privaten Bereich, wo man vor unerwünschten Zuhörern sicher zu sein glaubte, verlegt. So trafen sich auch verschiedene aufgeklärte Bürger, unter ihnen z. B. Platzoberleutnant Franz von Hebenstreit und der Salzburger Gerichtsaktuar Cajetan Gilovsky von Urazova, im Hause des Barons Andreas von Riedel, um hier (als dies noch möglich war) französische Zeitungen zu lesen und über Kriegsneuigkeiten zu diskutieren. Überzeugt von der Tatsache, dass dieser Krieg ein von vornherein hoffnungsloses Unternehmen sei, ging man von bloßen Gesprächen zur aktiven Opposition über. Revolutionäre Aufrufe, Lieder und Gedichte, die alle das Ende des Krieges forderten, wurden verfasst und, soweit dies unter den gegebenen Umständen überhaupt möglich war, auch verbreitet. Doch Zensur, Überwachung und die sehr beschränkte Möglichkeit der Vervielfältigung machten die Sache nicht nur gefährlich, sondern auch schwierig und wenig effizient. Doch es war der einzige Weg, der einer - friedlichen - Opposition noch offen blieb. Man muss sich nun fragen, warum die Wiener Jakobiner dieses Risiko überhaupt auf sich genommen hatten, wo es doch von Anfang an klar war, dass sie mit diesen unzureichenden Mitteln ihr angeblich angestrebtes Ziel, nämlich eine Revolution zu provozieren, nie erreichen konnten. Auf diese Frage gibt es meines Erachtens nach nur eine einzige überzeugende Antwort, und sie wurde das erste Mal von Wangermann gegeben. Er prägte dafür den Begriff der „revolutionären Drohung“.'3 Im Folgenden soll diese Idee weiter ausgeführt werden. Die Meinung über die Chancen einer eventuellen „Deutschen Revolution“ war in den aufgeklärten Kreisen von Anfang an geteilt. Ein großer Teil der Patrioten, unter ihnen z. B. Georg Forster, hielt seine Mitbürger für noch nicht reif genug und glaubte daher weder an die Möglichkeit noch an das Gelingen einer solchen Revolution. Vielmehr fürchtete er die Gefahr von drohenden, durch das soziale Elend provozierten, und von Vornherein zum Scheitern verurteilten blutigen Aufständen.13 14 13 z. B.: Wangermann: Joseph, 2. Aufl. 1969 (siehe Anm. 2); Derselbe: Österreichische Aulklärung und Französische Revolution. In: Die schwierige Geburt der Freiheit. Das Wiener Symposium zur Französischen Revolution, hrsg. von E. Wangermann - B. Wagner. Wien 1991; Derselbe: Josephiner, Leopoldiner und Jakobiner. In: Jakobiner in Mitteleuropa, hrsg. von Helmut Reinalter. Innsbruck 1977, S. 231-242. 14 Georg Forster an Christian Friedrich Voß, Mainz, 21.12.1792. In: Forster, Georg: Werke in vier Bänden, Bd. 1-4, hrsg. von Gerhard Steiner. Frankfurt a. Main 1990, hier Bd. 4, S. 809. 351