Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 48. (2000)

LILLA, Joachim: Die Vertretung Österreichs im Großdeutschen Reichstag

Die Vertretungen im Grossdeutschen Reichstag wurden wie wilde, aber wohlgezähmte Tiere in der ersten Reihe der Ministerbänke (links vom Führerpult) vorgeführt. Obgleich ich als Reichsstatthalter-Vertreter (eigentlich noch Vizekanzler) neben Seyß hätte sitzen müssen, habe ich Hubert Klaus­ner als dem Vertreter der Partei gern und freiwillig diesen Platz überlassen. Ich trug dunklen Cut mit dem EK I und dem Bändchen der Eisernen Krone. Fühlte mich alles eher denn wohl. Die Führerrede kann man in den Zeitungen nachlesen113. Am 30. Januar 1939 fand die erste Sitzung des Reichstags nach der Reichstags­wahl vom 10. April 1938 statt114. Glaise von Horstenau berichtet115: Am 30. Jänner hatten wir die normale Reichstagssitzung. Der Volkswitz116, daß die Minister"7 des Reiches die bestbezahlten Sänger der Welt seien, weil sie für das jähr­lich einmalige Absingen der Lieder der Nation monatlich Reichsmark 600,- (netto 540,-) erhalten, ist bekannt. Die Rede des Führers ist aus den Blättern jener Tage zu entnehmen. Was mir besonders auffiel, war das völlige Übergehen Rußlands, das sonst immer, mindestens unter Hinweis auf die Gefahren des Bolschewismus, eine mehr oder minder scharfe Zensur erhielt. Sollte sich hier eine Schwenkung nach der Reichswehr­politik der ersten zwanziger Jahre vorbereiten? Nur einige Monate später, am 28. April 1939, trat der Reichstag erneut zusam­men. Übrigens war ich am 20. April gar nicht besonders böse, daß eine Einladung nach Berlin118 unterblieben ist. Denn für den 28. war ohnehin, herausgefordert durch die Demarche Roosevelts bei allen Deutschland umgebenden Mächten, eine wirklich uner­hörte Aktion, der Reichstag einberufen worden. Dabei ging auch ein Donnerwetter über Polen nieder.119 Am 1. September fand endlich die große Reichstagssitzung statt, während die ersten deutschen Truppen schon den polnischen Boden betreten hatten. Der Führer hatte end­lich seinen Krieg. Die Rede, die er hielt, kann man in den Zeitungen nachlesen. Von den Nachfolgern für den Fall, daß ihm etwas ,passierte', ist einer, Heß, seither ausge­fallen. Ein besonders unangenehmes Gefühl in der Magengrube spürte ich, als Hitler beiläufig sagte: ,Ich verbitte mir, daß mir irgendjemand über schlechte Stimmungen be­richte!' Diese Worte zeichneten den Kurs der Stimmungsmache bis zu dem Augenblick, da ich, am 10. November 1943, diese Zeilen niederschreibe. Bardolff, der [...] mit mei­nem Auto aus Wien herangebracht worden war, und ich zogen zu dieser Sitzung die Generalsuniformen120 an. Er war für Tannenberg zum General der Infanterie ernannt worden. Als wir durch das allgemeine Gedränge unseren Hotels Zufuhren, sagte ich zu 115 Broucek: Bd. 2, S. 275. 114 Übrigens ein „Verstoß“ gegen Art. 23 Abs. 2 WRV, demzufolge der Reichstag „spätestens am 30. Tage nach der Wahl Zusammentritt. 115 Broucek : Bd. 2, S. 331. 116 Vgl. Gamm, Hans-Jochen: Der Flüsterwitz im Dritten Reich. München 1963; (DTV/List 1252) 2. Aufl. München 1980, S. 36 f. „Welches ist der höchstbezahlte Männergesangverein der Welt? Der deutsche Reichstag, er tritt jährlich nur einmal auf, singt lediglich die Nationalhymne, und dafür erhält jedes Mitglied monatlich 600 Reichsmark.“ 117 Muss wohl im Zusammenhang richtig heißen: Abgeordneten. 118 Zu Hitlers 50. Geburtstag. 119 Broucek : Bd. 2, S. 322. 120 Glaise hatte seit 1938 den Charakter eines Generalmajors der Wehrmacht und wurde bei Kriegs­beginn z. b. V. des Oberkommandos der Wehrmacht gestellt. Alternativ hätte Glaise auch die Uni­form eines SA-Brigadeführers tragen können. Bardolff war 1938, wie sich aus dem Folgesatz er­gibt, „für Tannenberg“ zum General der Infanterie ernannt worden. 255

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