Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 47. (1999)

Rezensionen

doch sollte man ihm nicht die Ehre tun, einen derartigen Band als kleinen Mono­lith, als Pflichtübung der Bewältigung dastehen zu lassen. Vielmehr erscheint es vorstellbar, notwendig und erfolgversprechend, die uns - für die Geschichte ge­schrieben, also gemacht wird - mindestens ebenso prägenden Nachkriegsepochen vorwärtsstolpemder Modernisierung und schrittweiser Entstehung unseres Lebens- gefühles ebenso darzustellen. Es muß doch möglich sein, den schlotstrotzenden und dampfzischenden Wiederaufbaubildem ebenso kritische Texte, vielleicht, ne­ben den Erfolgen der verstaatlichten Industrie auf deren nie enden wollenden Skandale hinweisend, gegenüberzustellen. Auch andere Perioden sind zu bewälti­gen und (bild-) historiographisch festzuhalten, umsomehr in Zeiten, wo - von vie­len unbemerkt - kollektives Erinnern und sinnstiftendes Empfinden sich so galop­pierend verändern wie wohl noch selten und freier von unmittelbarer Gewalt als je zuvor. Zur Notwendigkeit einer anderen Periodisierung als „Nationalsozialismus 1938-1945“ vergleiche die zusammenfassenden, auf Emst Hanisch hinweisenden Bemerkungen Michael Johns im an gleicher Stelle rezensierten „Historischen Jahr­buch der Stadt Linz 1995“ (S. 358), wobei das Gefühl einer uns heute als abnorm erscheinenden Situation eines Anarchismus unter diktatorischen Rahmenbedingun­gen sich doch wesentlich über das Kriegsende 1945 hin und auch zurück erstreckte. Alles in allem ein hervorragendes Bilder- und Textbuch, das man immer wieder gern zur Hand nimmt, es wird für jeden etwas geboten. Rudolf Jérabek, Wien Mayerhofer, Fritz - Schuster, Walter (Hrsg.): Entnazifizierung und Wiederaufbau in Linz. Linz: Archiv der Stadt Linz 1996 (Historisches Jahrbuch der Stadt Linz 1995). 526 S. In zwei Beiträgen (Brigitte Kepplinger und JosefWeidenholzer, „Die Re­konstruktion der Sozialdemokratie in Linz 1945-1950“ und Roman Sandgru­be r, „Die Anfänge der Linzer ÖVP“) wird das Entstehen der beiden - wie sie später jahrzehntelang genannt wurden - „staatstragenden“ Parteien behandelt. Die sozialistische Partei tat sich dabei wesentlich leichter, an ihre Traditionen der Er­sten Republik anzuknüpfen, während in der Volkspartei es nicht so einfach war, ein Amalgam aus demokratischen Christlichsozialen und Ständestaatleuten zu bilden. Auch blieb der Einfluß des christlichen Arbeiterflügels der ÖVP viel zu gering, um als städtische Parteiorganisation an einem bedeutenden Industriestandort nachhalti­ge Erfolge zu erzielen. Dies zumal die SPÖ sich sehr rasch mit den Nationalsoziali­sten und den zur NSDAP übergegangenen eigenen ehemaligen Parteimitgliedern und bald auch mit den Illegalen aussöhnte unter dem Aspekt, daß auch diese den widerrechtlichen Ständestaat bekämpften. Da konnte es nicht ausbleiben, daß die ÖVP von der sich durch radikales Auftreten gegen die KPÖ abgrenzenden SPÖ immer stärker in die Nachfolge der Christlichsozialen Partei und des Ständestaates Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 47/1999 - Rezensionen 333

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