Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 47. (1999)
Rezensionen
binetts Belcredi im Juni 1865 bedingte endgültig das Ende des VÖI, dessen Bedeutung als „organisatorisches und programmatisches Beispiel“ für industrielle Zentralverbände nicht zu übersehen ist. Als bedeutsam arbeitet Sturmayr auch die ursächliche Rolle der verschiedenen, von der Monarchie geschlossenen Handelsverträge heraus. Damit bietet sich für den Leser auch eine „Momentaufnahme“ des handelspolitischen Weges zur kleindeutschen Lösung oder, besser, zur preußischen Dominanz im deutschen Sprachraum. Ob die auf ökonomische Erfolge gerichteten Bemühungen die besseren zur Bewahrung der habsburgischen Position im Deutschen Bund gewesen wären, darf bezweifelt werden. Erst 1875 passierte der nächste Zusammenschluß der Industriellen zur Wahrung ihrer Interessen. Die Studie nennt die „Niederlage der Schutzzöller“ und die Weltwirtschaftskrise von 1873 als Hauptursachen für die Gründung des „Industriellen Clubs“ (IC). Vorangegangen war der Konflikt um die „Nachtragskonvention“ mit England im Dezember 1865. Ihre Unterzeichnung durch die Monarchie im Jahre 1869 bewirkte die gleichen, reduzierten Zollsätze für englische Importwaren wie für solche aus dem Zollverein, was vor allem die Vertreter der Textilindustrie gegen die Regierung aufbrachte. „Der Schutz der heimischen Arbeit“ war der Hauptzweck für die am 18. März 1875 erfolgte Gründung des IC. Ihm gehörten neben bedeutenden Baumwollfabrikanten Vertreter der Schwerindustrie an, wie Zum Beispiel der Kohlenbaron Gutmann und der Montanuntemeh- mer Rosthom, womit ein „branchenübergreifendes Bündnis“ zwischen Schwer- und Textilindustrie gegeben war. Mit diesem Schwerpunkt unterschied sich der IC vom VÖI, der nach Interessentengruppen zwar universeller, aber auch zersplitterter war. Hatte der VÖI an die 500 Mitglieder, von denen aber nur an die 80 zu den Hauptversammlungen kamen, belief sich mit 212 im Jahre 1909 die Mitgliederzahl des IC nicht einmal auf die Hälfte. Er „repräsentierte einen exklusiven Kreis von Großindustriellen auf schmaler Basis“ und fusionierte sich 1904 mit der „Freien Industriellen Vereinigung“ (FIV). Bereits im Gründungsjahr gelang dem IC mit der Kündigung des Handelsvertrages mit England ein großer Erfolg, der von den Gegnern als „Rückfall [...] in die Schutzzollhaltung“ kritisiert wurde. Die Rezension befaßt sich aus drei Gründen mit der eingehenden Inhaltsangabe, weil die Studie erstens ein wichtiges, aber weitgehend vernachlässigtes Gebiet der österreichischen Wirtschaftsgeschichte betritt. Sie ergreift damit zweitens die Gelegenheit, den Unterschied zwischen dem konföderativ gewordenen Europa von heute zum auf umfassende Autonomie basierenden Separatismus von gestern zu beleuchten. Und, drittens, untersucht Sturmayr gründlich die soziologische Bauart der Vereinigungen, die zwar nicht mehr unter demselben Namen, aber auf dieselbe Art und Weise ihren bestimmenden Einfluß immer noch ausüben und ausüben werden. Allerdings ist im Wiener Telefonbuch 1998/99 nur die „IndustriellenMitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 47/1999 - Rezensionen 317