Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 46. (1998)

KURZREITER, Johann: Österreich-Ungarn und die Kongofrage 1884–1885

Johann Kurzreiter gegründet wurde. Ziele dieser Gesellschaft waren die Erforschung Afrikas und die Bekämpfung des Sklavenhandels. Die Reise Henry Morton Stanleys durch Zen­tralafrika vom Indischen Ozean über die ostafrikanischen Seen und das Kongoufer entlang bis zum Atlantik 1874-77 ließ König Leopold auf das Kongobecken auf­merksam werden. Er ließ Stanley nach Brüssel kommen und gründete als Zweig der „Internationalen Afrikagesellschaft“ ein „Comité d’études du haut Congo“, in dessen Auftrag Stanley nach Afrika zurückkehrte und in den Jahren 1880-84 mit Hunderten Stammeshäuptlingen im Kongobecken „Schutzverträge“ schloß. Dadurch wurde der Grundstein zu einer politischen Herrschaft der „Internationalen Afrikagesellschaft“ bzw. König Leopolds in diesem Raum gelegt. Aus dem „Comité d’études du haut Congo“ ging 1883 die „Internationale Kongogesellschaft“ hervor, deren Präsident der belgische König war3'. Zur selben Zeit wie Stanley waren auch andere europäische Kolonisatoren in Zen­tralafrika aktiv. Der Franzose Pierre Graf Savorgnan de Brazza gewann durch eben­solche „Schutzverträge“ den rechten Unterlauf des Kongo für Frankreich. Portugal hatte sich schon seit dem Ende des 15. Jahrhunderts an der Küste des heutigen An­gola festgesetzt, es beanspruchte nun die nördlich davon gelegene Mündung des Kongo für sich. Im Februar 1884 schloß es einen Vertrag mit Großbritannien, in dem dieses den Anspruch Portugals anerkannte. Nun wäre aber das Kongobecken vom Zugang zum Atlantik abgeschnitten gewesen, was den Handel mit diesem Raum erschwert hätte. Der Vertrag sah vor, daß der Handel im Kongobecken allen Nationen gleichberechtigt offenstehen sollte, zugleich setzte er aber eine britisch­portugiesische Flußkommission ein, die auch Zölle festsetzen sollte. Nacheinander erhoben Frankreich, Deutschland und die USA bei der Regierung in Lissabon Ein­spruch gegen den Vertrag, auch König Leopold lehnte ihn aus begreiflichen Grün­den ab. Angesichts dieser Proteste, innenpolitischer Widerstände und weil sie wegen der Schwierigkeiten infolge der Okkupation Ägyptens nicht noch zusätzliche Ver­wicklungen riskieren wollte, verzichtete die britische Regierung auf eine Ratifizie­rung des Vertrages mit Portugal durch das Parlament32. Bismarck erstrebte seit Frühjahr 1884 die Schaffung einer Freihandelszone in Zentralafrika vom Atlantik bis zum Indischen Ozean, um eine Benachteiligung des deutschen Handels durch andere Mächte in diesem Raum zu verhindern ”. Zur Lö­sung des Streits um die Kongomündung schlug der Reichskanzler am 5. Mai erst­mals eine internationale Verständigung der Mächte vor, die an die Stelle des bri­tisch-portugiesischen Vertrages treten sollte34. Entsprechend der zu dieser Zeit beste­henden deutsch-französischen Kolonialentente einigte sich Bismarck mit dem fran­zösischen Ministerpräsidenten Jules Ferry auf die Abhaltung einer internationalen Konferenz. S S alis, Jean Rudolf von: Weltgeschichte der neuesten Zeit. Bd. 1-6, Zürich 1980. Bd. 1, S. 205 f. Ebenda, S. 206 f.; Wehl er, Hans-Ulrich: Bismarck und der Imperialismus. Köln/Berlin 1969, S. 377. Ebenda, S. 373 f. Ebenda, S. 380. 74

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