Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 46. (1998)
LUNKOW, Nikolai M.: Wien 1945. In Erinnerung eines Augenzeugen
WIEN 1945. In Erinnerung eines Augenzeugen1 von Nikolai m. Lunkow2 Anfang 1945 konnte bereits angenommen werden, daß Deutschland, das mit seinen Truppen praktisch ganz Europa okkupierte, den Krieg verlieren wird. Die Koalition der im Kampf gegen Hitler verbündeten Staaten trieb Deutschland in die Enge, und ihre Streitkräfte jagten die Deutschen aus den besetzten Gebieten hinaus. Der gewaltige Vormarsch der Roten Armee erreichte deutsche Grenzen, und griff mit einem Schlag nach Berlin. Die Absicherung der südlichen Grenzgebiete spielte in der deutschen Verteidigung eine prominente Rolle. Hier wurden auch blutige Schlachten von schlicht gigantischen Ausmaß ausgetragen. Wie die, südwestlich von Budapest, rund um den Plattensee. Ich machte diese Kämpfe persönlich nicht mit. Da ich aber dem Stab Marschall Tolbuchins, Befehlshabers der 3. Ukrainischen Front, angehörte, konnte ich diese unvorstellbaren Kämpfe, wo tausende Panzer, Waffen, Flugzeuge und unzählige Infanteriemassen von beiden Seiten her - der sowjetischen wie der deutschen - aufeinander prallten, beobachten. Es war wahrlich die Hölle. Positionen gingen von einer Hand in die andere. Der Kampf tobte unerbittlich weiter und die Deutschen schlugen blindwütig zurück. Das Gebiet war eben für Deutschland strategisch und wirtschaftlich äußerst wichtig, auch als Tor zu Österreich, südlichen Teilen Deutschlands und der westlichen Tschechoslowakei. 1 Übersetzung: Mag. Hana Keller, Österreichisches Staatsarchiv, Wien - Archiv der Republik 2 Kurzbiographie des Autors: Außerordentlicher und bevollmächtigter Botschafter Nikolai Mitrofanowitsch Lunkow: 1946-1959: erster Sekretär der Gesandtschaft in Bem, Minister-Berater, Stellvertretender Politberater Marschalls W. I. Tschuikows in Berlin, Sowjet-Mitglied, bevollmächtigter sowjetischer Gesandter in Stockholm; 1959-1962: Leiter der Sektion für Skandinavische Länder im Ministerium für Auswärtige Angelegenheiten (MAA) der UdSSR; 1962-1968: sowjetischer Botschafter in Norwegen; 1968-1971: Leiter der Sektion für kulturelle Beziehungen mit dem Ausland; 1971-1973: Leiter der II. Europasektion und Präsidiumsmitglied des MAA der UdSSR; 1973-1980: sowjetischer Botschafter in Großbritannien, mit gleichzeitiger Wahrnehmung sowjetischer Interessen in Malta; 1980-1990: sowjetischer Botschafter in Italien; Mitwirkung an einer Reihe internationaler Konferenzen und Verhandlungen. Gegenwärtig: beratender Botschafter des MAA Rußlands. Der Aufsatz wurde abgedruckt in: Sammelband „Diplomaten erzählen. Die Welt in Erinnerung unserer Altdiplomaten“, Moskau, „Nautschnaja Kniga“, 1997. Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 46/1998 215