Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 46. (1998)

LEHNER, Georg: Chinesisch für den auswärtigen Dienst: Zwei Dolmetsch-Eleven an der k. u. k. Gesandtschaft in Beijing in den Jahren 1897 bis 1900

Georg Lehner Natiesta übermittelte Pisko ein Schreiben, in welchem er die Ursachen seines neu­erlichen Rückfalles dargelegt hatte. Entscheidend dürfte gewesen sein, daß ihn die behandelnden Ärzte im Februar 1901 irrtümlich für „geheilt“ gehalten hatten. Nach einem mehrtägigen Spitalsaufenthalt verließ Natiesta Shanghai Anfang Juni 1901, von wo er sich unter ärztlicher Aufsicht nach Europa begeben sollte. Trotz der uner­freulichen Vorkommnisse schien Pisko auch zu diesem Zeitpunkt weiterhin an Na­tiesta festzuhalten: „Ich habe mich wiederholt in meinen Berichten in lobender Weise über die dienstliche Verwendbarkeit des Herrn Viceconsuls ausgesprochen, und glaube auch diesmal sein Ge­such wärmstens befürworten zu sollen, da ich es im Interesse des Dienstes für dringend notwendig halte, dass ein sonst so vorzüglicher und fähiger Beamter wie Viceconsul Na­tiesta dem Staatsdienste erhalten bleibe, selbstverständlich vorausgesetzt, dass er gründ­lich geheilt werden kann“44. Am 20. Oktober 1901 wurde Natiesta auf eigenes Ansuchen aus dem Staatsdienst entlassen45. Sein Kurzaufenthalt in Shanghai, wo er sich in einer „Verlegenheit“ Geld geliehen hatte, beschäftigte das Ministerium des Äußern jedoch noch einige Zeit hindurch im Zusammenhang mit den nach der Unterdrückung der Yihetuan- Bewegung („Boxer-Aufstand“) von Österreich-Ungarn an China zu stellende Scha­denersatzforderungen46. Eine der letzten Nachrichten, die das Ministerium des Äu­ßern über Natiesta erhalten haben dürfte, stammt aus dem Dezember 1906, als der ehemalige k. u. k. Vizekonsul seine „beschleunigte Naturalisation“ in Hamburg beantragt hatte, da er mit 1. Januar 1907 „in den Vorstand der Hamburgischen Druck- und Verlagsanstalt gewählt werden und zu dem Zweck den Besitz der deut­schen Reichsangehörigkeit nachweisen“ sollte47. Ebenfalls Ende 1906 waren im Ministerium des Äußern ausführlichere Überle­gungen zur Neusystemisierung der mit sprachkundigen Beamten zu besetzenden Dienstposten bei der k. u. k. Gesandtschaft in Beijing angestellt worden. Da man die Einrichtung der Seminaristen-Stellen schon frühzeitig als untaugliches Mittel zur Heranbildung von des Chinesischen mächtigen Beamten erkannt haben dürfte, suchte man nach einer Lösung für dieses Problem. Professor Theodor Gomperz48 hatte schon am 30. Mai 1902 im Herrenhaus des Reichsrates dazu Stellung genom­44 HHStA, AR Fach 4/231, Natiesta 1/7-7 (Pisko an MdÄ, N° 12 res., Shanghai 1901 Juni 7). 45 HHStA, GA Peking, Karton 79, Consulate - Personalia (MdÄ an k. u. k. Gesandtschaft Peking, ZI. 69154/10, Wien 1901 November 1). 46 Diese Angelegenheit war von dem in Shanghai tätigen österreichischen Kaufmann Ludwig Soyka betrie­ben worden, den man sowohl am Generalkonsulat Shanghai, als auch in Kreisen der k. u. k. Kriegsmarine äußerst negativ beurteilte. - Zu den darauf Bezug nehmenden Akten vgl. HHStA, AR Fach 36/12. 47 HHStA, AR Fach 4/231, Natiesta 1/11-1 (Kaiserlich Deutsche Botschaft in Wien an MdÄ, B. 4718, Wien 1906 Dezember 2, MdÄ an Kaiserlich Deutsche Botschaft, Prot. Nr. 94.982/10 (7727) ex 1906, Wien 1906 Dezember 8). - Vor allem der letzte Satz der Antwortnote des MdÄ an die Kaiserlich Deutsche Bot­schaft erscheint angesichts Natiestas „Eskapaden“ im Frühjahr 1901 einigermaßen bemerkenswert: „Etwas Nachteiliges über Natiesta, der seine Entlassung aus Gesundheitsrücksichten genommen hat, ist dem k. u. k. M.d.Ä. nicht bekannt“. 48 Theodor Gomperz (1832-1912), 1873-1900 Ordinarius für Klassische Philologie an der Universität Wien (Erforscher der antiken Philosophiegeschichte), seit 1901 Mitglied des österreichischen Herrenhau­ses. Vgl. dazu Österreichisches Biographisches Lexikon. Bd. 2. Graz-Köln 1959, S. 31 f. sowieNeue Deutsche B i ograph i e. Bd. 6. Berlin 1964, S. 641 f. (Albin Lesky). 120

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