Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 46. (1998)
LEHNER, Georg: Chinesisch für den auswärtigen Dienst: Zwei Dolmetsch-Eleven an der k. u. k. Gesandtschaft in Beijing in den Jahren 1897 bis 1900
Georg Lehner im wesentlichen befriedigend verlaufenden Chinesisch-Studien der beiden Vizekonsuln veranlaßten Czikann am 31. Juli 1899, beim Ministerium des Äußern „ebenso dringend wie umgehend um thunlichst baldige Heraussendung neuer Seminaristen zu bitten, da die k. u. k. Gesandtschaft ohne Zutheilung junger Arbeitskräfte die sich mehrenden Amts Agenden auf die Dauer nicht zu bewältigen vermöchte, und, bei dem äusserst geringen Stande sprachkundiger Beamten [sic!], die Erkrankung oder Beurlaubung eines derselben, womit bei den klimatischen Verhältnissen in China leider immer gerechnet werden muss, den Dienst leicht in bedauerlichster Weise lahmlegen könnte“26. Am 3. August 1899 wurde Natiesta von Rosthorn einer neuerlichen Sprachprüfung unterzogen. Der k. u. k. Legationssekretär gab danach folgendes Urteil ab: „Obschon Herr Natiesta es nicht an Fleiss hat fehlen lassen, und der von ihm bearbeitete Lehrstoff das Ausmasz eines zweijährigen Studiums vollauf erreicht hat, so kann ich doch nicht sagen, dass er meine Erwartungen hinsichtlich der practischen Anwendung des Gelernten, sei es im Verdolmetschen oder in selbständiger Conversation, erfüllt habe. Insbesonders lässt seine noch immer sehr mangelhafte Aussprache befürchten, dass er den mündlichen Dragomanatsdienst überhaupt nie gut wird versehen können. Hingegen glaube ich, dass er bei fortgesetztem Studium innerhalb eines Jahres die Corresponded eines Amtes zu controliren im Stande sein wird. Allerdings muss ich hinzufügen, dass eine Unterbrechung des Studiums, wie die durch seine Zutheilung zu dem sehr beschäftigten Consular-Amte in Shanghai verursachte, einen Rückschritt bedeuten könnte, dessen Wiedereinbringung vielleicht Monate in Anspruch nehmen wird“27. Im Ministerium des Äußern erwog man im Februar 1900 die Möglichkeit, Vizekonsul Silvestri „behufs Vervollkommnung“ und gründlicherer Ausbildung in der chinesischen Sprache neuerlich nach Beijing zu versetzen und an seiner Stelle den nach wie vor an der k. u. k. Gesandtschaft tätigen Vizekonsul Natiesta nach Shanghai zu transferieren28. Rosthorn, der nach dem Urlaubsantritt des Gesandten von Czikann seit Anfang April 1900 als k. u. k. Geschäftsträger in Beijing fungierte, beantwortete den Erlaß des Ministeriums des Äußern am 25. April 1900. Der „Postentausch“ zwischen Natiesta und Silvestri schien ihm opportun zu sein: „Bei dem Umstande, dass Herr Vice-Consul Silvestri, nachdem er in der Erlernung der chinesischen Sprache bereits anerkennenswerthe Fortschritte gemacht hatte, durch seine Versetzung nach Shanghai in seinem Studiengange unterbrochen wurde, während Herr Natiesta das volle Ausmasz des für die sprachliche Ausbildung bemessenen Zeitraumes in Peking zugebracht hatte, musste es mir allerdings im Interesse des Dienstes wün- schenswerth erscheinen, dass auch dem erstgenannten Functionär die Gelegenheit geboten werde durch eine abermalige Zutheilung bei dieser k. u. k. Gesandtschaft seine Kenntnisse der Sprache und Schrift zu vervollkommnen. Ich habe deshalb von der hohen Ermächtigung Gebrauch gemacht und den erwähnten Postenwechsel unter Berufung auf den Eingangs citirten Ministerialerlass bereits angeordnet“29. Während des letzten Jahres vor seiner Abreise aus Beijing Ende April 1900 - in der Zeit von Silvestris Abwesenheit von Beijing - hatte Natiesta bedeutend höhere 26 HHStA, AR Fach 4/231, Natiesta 1/6 (Czikann an MdÄ, N“ XLVI, Peking 1899 Juli 31). 27 HHStA, AR Fach 4/319, Silvestri 1/2-8 (Rosthom an Czikann, Peking 1900 August 4. Beilage zu Czikann an MdÄ N° XLVIII, Peking, 1899 August 14). 28 Ebenda, Silvestri 1/7 (MdÄan Czikann, Nr. 6788/10 (E. O.), Wien 1900 Februar 24). 29 Ebenda, Silvestri 1/7 (Rosthom an MdÄ Bericht N° XXI, Peking 1900 April 25). 116