Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 46. (1998)
LEBENSAFT, Elisabeth – MENTSCHL, Christoph: Vom Service de Prestation zur Alien Labour Company. Ein Beitrag österreichischer Flüchtlinge im Kampf gegen NS-Deutschland, dargestellt nach britischen Quellen
Vom Service de Prestation zur Alien Labour Company rühmte „Tropfen auf dem heißen Stein“67, sodaß britischerseits noch andere Möglichkeiten, diesen Mangel zu beheben, in die Tat umgesetzt bzw. diskutiert wurden. So beschloß das Army Council etwa am 19. Februar den Einsatz dreier low priority Divisionen, zusammen etwa 16 000 Mann, deren erste Anfang April Richtung Frankreich in Marsch gesetzt wurde, die aber später wieder in Kampfformationen umgewandelt werden sollten68. Überlegungen gab es etwa auch, Achtzehn- bis Neunzehnjährige, die knapp vor der Rekrutierung in den Militärdienst standen, zu verwenden. Und sogar an den „Import“ chinesischer Arbeitskräfte aus der Kronkolonie Hongkong war gedacht, wobei allerdings in erster Linie Bedenken bestanden, ob sich deren Einsatz wegen des langen Schiffwegs rechnen würde69. Außerdem war geplant, das A.M.P.C. rasch aufzustocken, indem Rekruten zunächst für ein halbes Jahr für Pionierarbeiten verpflichtet und danach erst in reguläre Kampftruppen überstellt werden sollten70. Ins A.M.P.C. wurden übrigens auch Deutsche und Österreicher, die sich freiwillig meldeten, nachdem sie vom militärischen Abwehrdienst überprüft worden waren, aufgenommen71 72. Ebenso wie das Problem der Bereitstellung der Arbeitskräfte bis zuletzt aktuell blieb, bzw. nur ansatzweise gelöst werden konnte, war auch mit dem offiziellen Akt des Notenaustausches vom 10. April das Tauziehen um die Prestataires noch keineswegs beendet, da sich die Franzosen noch vor Ablauf eines Monats offensichtlich bereits auf Punkt 1 des Abkommens besannen und die Prestataires bis längstens Juli 1940 wieder zurückverlangten. Bereits am 23. März, also noch während der Verhandlungen über das besagte Abkommen, hatte der französische Oberbefehlshaber, General Gamelin, bei einer Besprechung mit britischen Spitzenmilitärs angesichts der den Franzosen zu gering erscheinenden Truppenstärke der B.E.F.77 den Einsatz von 100 (!) zusätzlichen britischen Pionierbattaillonen, die im Hinterland der französischen Armee tätig sein sollten, gefordert, ein Verlangen, das dann während eines Besuches des französischen Arbeitsministers Charles Pomaret bei seinem britischen neer Corps, S. 20, kalkulierte das Hauptquartier der B.E.F. sogar ursprünglich 220 000 Mann. Dieselbe Zahl findet sich auch in PRO, WO 163/65: „Raising of a Chinese Labour Corps. Paper by D.A.G. [Deputy Adjutant General, Anm. d. Verf.] for consideration by the War Committee on Friday, 15th December, 1939“, undatiert. 67 Tatsächlich standen anfangs Mai 1940 etwa 50 000 Mann fur die B.E.F. im Arbeitseinsatz, wovon die Prestataires, wie gesagt, etwa 4 000 Mann ausmachten. Vgl. PRO, WO 163/49, Dokument O S. 64: „Labour for the Army. Note by A. G. for Army Council“, 9. 5. 1940, wo zwar eine Zahl von 6 500 Mann genannt wird, zu diesen aber nicht nur Prestataires, sondern auch französische Zivilarbeiter und Italiener gezählt werden. 68 Ebenda, Dokument O.S. 29 (Annexe): Minute des Adjutant General an Secretary of State, 7. 3. 1940. 69 Zu beiden Überlegungen vgl. etwa PRO, WO 163/48: „Notes on a Meeting of the Army Council 16. 12. 1939; PRO, WO 163/49, Dokument O.S. 5: „Draft Cabinet paper ... on the Employment of 18- and 19-year-olds as Labour Overseas“, undatiert; ebenda, Dokument O.S. 29: „Memorandum for the Army Council. Draft Cabinet paper on the Supply of Labour for the B.E.F.“, 7. 3. 1940; ebenda, Dokument O.S. 64: „Labour for the Army. Note by A.G. for Army Council“, 9. 5. 1940. Speziell zur Frage des Einsatzes der Chinesen vgl. PRO, WO 163/65: „Raising of a Chinese Labour Corps. Paper by D.A.G. for consideration by the War Committee on Friday, 15th December, 1939“, undatiert. 70 PRO, FO 371/24325, S. 192: G. Evans, WO, an R. Makins, FO, 4. 6. 1940. 71 PRO, FO 371/24295, S. 132: F. Phillipps, WO, an A. Cadogan, FO, 31. 5. 1940. 72 PRO, FO 371/24325, S. 186: Minute J. G. Ward, FO, 27. 5. 1940. 99