Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 46. (1998)
LEBENSAFT, Elisabeth – MENTSCHL, Christoph: Vom Service de Prestation zur Alien Labour Company. Ein Beitrag österreichischer Flüchtlinge im Kampf gegen NS-Deutschland, dargestellt nach britischen Quellen
Elisabeth Lebensaft und Christoph Mentschl Flüchtlinge, die in der glücklichen Lage waren, ein Visum nach Übersee19 vorweisen zu können, wurden ebenso aus den Lagern entlassen - als Beispiel sei hier der Schauspieler und Regisseur Leon Askin genannt, der Frankreich im Februar 1940 in Richtung USA verlassen konnte20-wie diejenigen Personen, die der physischen Belastung einer Internierung nicht gewachsen waren. Anderseits wurden jene, die politisch verdächtig oder - wie die Kommunisten - politisch unverläßlich erschienen oder sich weigerten, auf die im Folgenden dargestellten „Angebote“ einzugehen, sowie alle Personen im Alter zwischen neunundvierzig und fünfundsechzig Jahren weiterhin festgehalten21. Für Internierte zwischen zwanzig und achtundvierzig Jahren eröffncten sich weiters zwei Optionen unter mehr oder weniger militärischen Vorzeichen: Einerseits, sich für die Dauer des Krieges bzw. für fünf Jahre zur Fremdenlegion zu verpflichten, wofür, obwohl in einzelnen Lagern intensiv geworben bzw. Druck auf die Flüchtlinge ausgeübt wurde22, bis Dezember 1939 weniger als 3 000 „Freiwillige“ gewonnen werden konnten23. Anderseits die Meldung zum unbewaffneten militärischen Arbeitsdienst (service de prestation) in eigens aufgestellten Arbeitseinheiten, sogenannten Compagnies de travailleurs étrangers24 (dieser Dienst war - auf freiwilliger Basis - auch für Personen unter zwanzig Jahren oder zwischen neunundderseits besteht auch die Auffassung, daß die Sichtungskommissionen überhaupt erst im Dezember 1939 ihre Arbeit aufgenommen haben sollen (Fabian - Coulmas: Emigration in Frankreich, S. 70). Vgl. aber auch folgende Meldung der britischen Botschaft in Paris an das Foreign Office: „The French appointed a [sic!] Commission de Triage about the middle of October, and I understand that this commission releases about 80 enemy aliens a week“ (PRO, FO 371/22941, S. 366 if.: British Embassy, Paris, an FO, 23. 11. 1939). Diese Quellenlage läßt die von Joly et al. vorgenommene Datierung der Criblage mit Februar 1940 jedenfalls als zu spät angesetzt erscheinen (vgl. Joly, Fran9oise - J o 1 y, Jean Baptiste- Mathieu, Jean-Philippe: Les camps d’intemement en France de septembre 1939 á mai 1940. In: Badia, Les barbelés de l’exil, S. 169-220, hier S. 195). Diese Gegenüberstellung zeigt einmal mehr den diffusen und widerspruchsvollen Informationsstand zur Entlassung der Internierten durch die Criblage- Kommissionen. Der Vollständigkeit halber muß auch noch angemerkt werden, daß allem Anschein nach auch österreichische Triagekommissionen existiert haben, zumindest ist eine derartige aus Österreichern zusammengesetzte Kommission für das Sammellager Stade de Colombes bei Paris nicht nur in einem Bericht Josef Buttingers, eines leitenden Funktionärs der Revolutionären Sozialisten im französischen Exil, erwähnt (vgl. Verein für Geschichte der Arbeiterbewegung, Nachlaß Buttinger, Mappe 2c), sondern auch auf Grund der von den Verfassern im PRO aufgefündenen Liste einer „Commission Autrichienne de Triage“ nachweisbar - vgl. Lebensaft, Elisabeth-Mentschl, Christoph: „... und aufregend war das Leben von uns allen ...“. Vertreibung, Exil und Rückkehr des Rechtsanwalts Friedrich Schnek. Eine Spurensuche. Wien 1997 (Österreichisches Biographisches Lexikon - Schriftenreihe 3), S. 18 und 55 f. 19 PRO, FO 371/24306, S. 27: „Memorandum concerning the internment of German aliens in France“, undatiert [vor 5. 1. 1940]. 20 Askin, Leon - Davidson, C. Melvin: Quietude and Quest. Protagonists and Antagonists in the Theatre, on and offstage as seen through the Eyes of Leon Askin. Riverside 1989, S. 199. 21 Andererseits sollten jedoch Österreicher und Flüchtlinge aus dem Saargebiet, die älter als 48 Jahre waren, freigelassen werden - vgl. ebenda, p. 84: „Internment of German aliens in France“, undatiert. 22 Österreicher im Exil. Frankreich 1 93 8-1 945 . Eine Dokumentation. Hrsg, von Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes, bearb. Ulrich Weinzierl, Wien-München 1984, Dokument Nr. 21, S. 73. 23 PRO, FO 371/24306, S. 165: „German and other Refugees in France“, 17. 4. 1940. 24 Joly- Joly- Mathieu: Les camps d’intemement, S. 194. 92