Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 45. (1997)

HÖDL, Sabine: Eine Suche nach jüdischen Zeugnissen in einer Zeit ohne Juden. Zur Geschichte der Juden in Niederösterreich von 1420 bis 1555

del betrieb89. Erst 1554 folgen weitere Nachrichten zu diesem jüdischen Arzt. Die medizinische Fakultät beklagte sich bei Ferdinand I. wegen einer gegen sie vorge­brachten Beschuldigung, daß sie die Patienten mit hohen Geldforderungen belaste, und stellte fest, daß dies wohl nur durch der Fakultät nicht zugehörige Doktoren bzw. durch landtfarer, luden, alte weiber unndt dergleichen bedriegerische leut geschehe. Deswegen hätte sich die Fakultät auch schon des öfteren beschwert und manche dieser Personen sogar namentlich angezeigt, wie zum Beipiel den Juden Lazarus. In einem den Akten beigelegten Verzeichnis wird Lazarus unter den Na­men derer, so in medicina nie gestudiert und doch frevelnlicherweiß practicieren und betriegen aufgelistet90. Letzte Nachrichten zu Lazarus sind aus dem Jahr 1555 bekannt, als er wegen vier Pfund Safran in einen Konflikt mit dem Kaltmautner9' am Tabor geriet. König Ferdinand gab dem Juden recht und der Safran, der ihm davor unter Betrugsverdacht abgenommen worden war, wurde ihm wieder ausgehändigt92. Ob Lazarus nach 1555 Niederösterreich wieder verließ, ist derzeit nicht festzustel­len”. Die Zukunft seiner Familie lag auf jeden Fall nicht in Österreich, sondern in Schwaben, denn in der Person des Lazarus von Günzburg ist unter Umständen der Stammvater der über Jahrhunderte hinweg bedeutendsten und vornehmsten Familie des jüdischen Schwaben, der Familie Ulma-Günzburg, zu sehen. Doch auch wenn diese personelle Übereinstimmung nicht gegeben sein sollte, muß auf seine Bedeu­tung für Günzburg hingewiesen werden, denn seine große Familie bildete in der Mitte des 16. Jahrhunderts gewissermassen den Kern der Günzburger jüdischen Gemeinde”. Trotzdem hat sich Lazarus von Günzburg gegen allen Widerstand seine Existenz in Österreich unter der Enns über einen längeren Zeitraum hinweg zu si­chern versucht. Von den Ärzten der medizinischen Fakultät bekämpft, von Ferdi­nand I. protegiert, blieb er zumindest über zehn Jahre hinweg in der Nähe des Hofes. VI. Ergebnisse Das Bild, das sich von der Geschichte der Juden im Niederösterreich des 16. Jahr­hunderts ergibt, ist durch zwei Komponenten geprägt. Erstens hatte der Dualismus von Landständen und Landesfürst eine nicht zu unterschätzende Auswirkung auf 89 HKA Wien, NÖ Kammer, Bd. 21 (E. R.), fol. 195v (1549 Oktober 25). Vgl. dazu auch Messing: Beiträge zur Geschichte der Juden (wie Anm. 3), S. 20-21. 90 Acta Facultatis Medicae (wie Anm. 86), S. 269-271. 91 Die „Kalte Maut“ wurde an bestimmten Mautstellen von Gütern, Weinen und Lebensmitteln in der Zeit vom 12. Oktober bis zum 5. Jänner jedes Jahres eingehoben. 92 Vgl. zum genauen Hergang der Ereignisse HKA Wien, NÖ Kammer, Bd. 31 (E. R.), fol. 311v (1555 November 17), fol. 32lr (1555 November 20) und fol. 343r (1555 Dezember 3). 93 Im Oktober 1560 ist in einem Verzeichnis betreifend die Goldsteuer der Juden ein Lesar, Jude zu Wöl­kersdorf genannt. Ob es sich dabei um Lazarus von Günzburg oder einen anderen, gleichnamigen Juden handelt ist nicht eruierbar. Vgl. HKA Wien, NÖ HA, Fasz. W 61/C 43, fol. 49r, liegt fol. 48 (1560 Okto­ber 15) bei. 94 Rohrbacher, Stefan: Medinát Schwaben. Jüdisches Leben in einer süddeutschen Landschaft in der Frühneuzeit. In: Judengemeinden in Schwaben im Kontext des Alten Reiches, hrsg. von Rolf Kießling. Berlin 1995 (Institut für Europäische Kulturgeschichte der Universität Augsburg, Colloquia Augustana, Bd. 2), S. 80-109, hier S. 84-86. Eine Suche nach jüdischen Zeugnissen in einer Zeit ohne Juden 295

Next

/
Thumbnails
Contents