Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 45. (1997)

HÖDL, Sabine: Eine Suche nach jüdischen Zeugnissen in einer Zeit ohne Juden. Zur Geschichte der Juden in Niederösterreich von 1420 bis 1555

Eine Suche nach jüdischen Zeugnissen in einer Zeit ohne Juden Den Rechtsstreit mit den Stubenbergem führte nach Mändls Tod 1547/48 seine Frau Nechama, Hirschls Tochter, weiter. Mändl von Zistersdorf hatte ebenso wie sein Schwiegervater eine Sonderstellung inne, denn in dem am 31. Jänner 1544 erlassenen Ausweisungsdekret Ferdinands I. für die Juden, die sich unbefugt im Land aufhielten, wurde ihm neben den Juden von Güns und Eisenstadt der weitere Verbleib in Zistersdorf erlaubt79 80. Der in Handelsge­schäften tätige Zistersdorfer diente Ferdinand I. mitunter auch als Geldgeber. So nahm er bei ihm 1546 ein Darlehen über 1 000 Gulden für den Befestigungsbau in Wien auf0. Möglicherweise verfügte Mändl sogar über eine Bewilligung, die ihn zum ständigen Aufenthalt in Wien berechtigte81. Lazarus von Günzburg Dieser jüdische Arzt82 besaß Freibriefe verschiedenster Herrscher. Neben einem Schutz- und Geleitbrief Ferdinands I. aus dem Jahr 1544, der Lazarus mit seinen vier Schwiegersöhnen und seinem Stiefsohn sowie deren gesamten Familien mit Gesinde, Hab und Gut Freizügigkeit im gesamten Reich und in den österreichischen Ländern zusicherte, konnte Lazarus Freibriefe von Herzog Wilhelm IV. von Bayern (30. Jänner 1542), dessen Bruder Herzog Ludwig V. von Bayern (16. März 1543) und Kaiser Karl V. (9. August 1543) sein Eigen nennen. Der königliche Rat und Oberhofmeister in Innsbruck, Veit von Thurn, hatte ihm bereits 1534 ein Schreiben ausgestellt, in dem er seine Kunst als Arzt lobte und bestätigte, daß Lazarus immer, gleichgültig ob bei den königlichen Töchtern oder beim Hofgesinde, wenn man sei­ner Kunst bedurfte, gehorsam und willig zur Stelle gewesen wäre. Darum bat er all jene, an die sich der Arzt in Zukunft wenden würde, diesem entgegenzukommen83. 79 HKA Wien, NÖ HA, Fasz. W 61/C 43, fol. llr-llv(1544 Jänner 31). Druck bei Pribram: Urkunden und Akten (wie Anm. 3), S. 8-9, Nr. 3. Siehe zu diesem Dekret auch Abschnitt 2. 80 HKA Wien, NÖ Kammer, Bd. 15 (E. R.), fol. 168r (1546 November 9), Hoffinanz, Bd. 195 (E.), fol. 174r (1546 November) und Gedenkbuch 58, fol. 37v (1546 November 13). 81 Schwarz: Geschichte der Juden in Wien (wie Anm. 3), S. 51. Weitere Details zu dieser Familie bei H ö d 1: Juden in Niederösterreich (wie Anm. 2), S. 53-70 und S. 116 (Stammbaum der Familie). 82 Die Frage, ob Lazarus ein Arzt mit einem an einer Universität abgeschlossenen Medizinstudium war, läßt sich derzeit nicht beantworten. In den Quellen ist von einem Universitätsabschluß - von einer Ausnahme abgesehen - nie die Rede, andererseits wird er jedoch häufig als Arzt bzw. Doktor bezeichnet. Vgl. dazu HKA Wien, NÖ HA, Fasz. W 61/C 43, fol. 22r-22v (1534 Mai 6) und fol. 19r-19v (1544 Juni 9), NÖ Kammer, Bd. 31 (E. R.), fol. 31 lv (1555 November 17). Auch in der Literatur scheint er als Arzt auf, so bei Krauss, Samuel: Geschichte der jüdischen Ärzte vom frühen Mittelalter bis zur Gleichberechtigung. Wien-Leipzig 1930 (Veröffentlichungen der A. S. Bettelheim-Stiftung in Wien, Bd. 4), S. 37, S. 71 und S. 132, bei Landau, Richard: Geschichte der jüdischen Ärzte. Ein Beitrag zur Geschichte der Medicin. Berlin 1895, S. 110 sowie bei Münz, Isak.: Die jüdischen Ärzte im Mittelalter. Ein Beitrag zur Kultur­geschichte des Mittelalters. Frankfurt/Main 1922, S. 47. In diesem Zusammenhang möchte ich Dr. Mar­kus Wenninger fur hilfreiche Hinweise zu diesem Thema danken. 83 HKA Wien, NÖ HA, Fasz. W 61/C 43, fol. 22r-22v (1534 Mai 6). Druck bei W o 1 f, Gerson: Studien zur Jubelfeier der Wiener Universität im Jahre 1865. Wien 1865, S. 30-31. Vgl. dazu Schwarz: Geschich­te der Juden in Wien (wie Anm. 3), S. 51. Die anderen Freibriefe befinden sich ebenso in den NÖ HA, Fasz. W 61/C 43 und zwar fol. 2V (1542 Jänner 20), fol. 24r-24v (1543 März 16) und fol. 26r-27r (1543 August 9). 293

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