Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 45. (1997)
FLÖTER, Jonas: „Wenn wir ihn stürzen können, so sollten wir es je eher je lieber thun, …“ Zum Verhältnis Bismarcks und des preußischen Gesandten in Wien zur ministeriellen Krise in Cisleithanien und zu Beusts Sturz (1869–1871)
Jonas Flöter In Deutschland wurde dieser Wechsel mit Bestürzung aufgenommen. „Es bestand hier der Wunsch, daß der geniale Staatsmann, der die Geschicke Österreichs zu leiten seit 5 Jahren berufen war, im Amte bleiben möge.“100 Schweinitz konnte aus den Gesprächen mit Beust die wahren Ursachen der Entlassung nicht erkennen101. Bismarck vermutete, daß Beust als Protestant der „persönlichen Gereiztheit der klerikalen Leiter der Hohenwartschen Politik und der Beichtväter der kaiserlichen] Familie geopfert worden ist. Möglich auch, daß seine persönlichen] Beziehungen zu Bankiers und Spekulanten Beusts Stellung erschüttert haben“102. Demgegenüber machte Schweinitz deutlich, daß die katholischen Kräfte die Politik Hohenwarts keineswegs uneingeschränkt unterstützten. Nur die katholischföderalistische Partei um Kardinal Schwarzenberg stehe unbedingt hinter Hohenwart. Demgegenüber sprächen sich die Partei um Kardinal Rauscher sowie viele Bischöfe und Laien für den Gesamtstaat und daher gegen die böhmischen Forderungen aus. Die Gründe der Enthebung seien, so Schweinitz, pathologischer Natur „und nur durch den Schmerz erklärlich, welchen der Kaiser über die Notwendigkeit empfand, das Reskript vom 12. September zu verleugnen und Graf Hohenwart zu entlassen“103. Da das Antrittszirkular Andrässys vom 23. November 1871 zwar die Beibehaltung der eingeschlagenen außenpolitischen Linie Österreich-Ungarns unterstrich, ansonsten aber sehr allgemein gehalten war, scheint der dazu von Schweinitz verfaßte Bericht fiir den Umschwung der preußischen Haltung zugunsten Andrässys von besonderer Bedeutung gewesen zu sein. Schweinitz betonte darin Andrässys Willen zur Weiterfiihrung der Beustschen Politik, welche zum einen in einer prononcierten Friedenspolitik und zum anderen in der Erhaltung des dualistischen Systems bestehe. Auf der Basis des Dualismus hoffe Andrässy, die inneren Schwierigkeiten der Monarchie überwinden zu können. Er habe daher keine Veranlassung, an den Direktiven seines Vorgängers etwas zu ändern104. Schweinitzs Erklärung gegenüber Andrässy, daß in Zukunft das einzige Heil im guten Einvernehmen mit Deutschland bestehe und die Mitteilung, daß an Deutschlands „aufrichtiges Wohlwollen man hier immer mehr und mehr zu glauben beginnt“105, spielten in diesem Prozeß offenbar eine besondere Rolle. Ferner ist auch das in Berlin spürbare Vertrauensverhältnis, das sich zwischen Schweinitz und Andrässy entwickelte, nicht zu unterschätzen106. 100 Könneritz an Friesen, 9. November 1871, zit. nach Diószegi: Österreich-Ungarn und der französischpreußische Krieg, S. 283. 101 Beust meinte, Staatsrat Braun hätte ihm im Auftrag des Kaisers nahegelegt, seine Entlassung einzureichen. Die Umwandlung der Reichskanzlei in ein Außenministerium sei der Vorwand. (Pol. Arch. A. A. Bonn, R 8462, Schweinitz an Bismarck, Telegramm, 8. November 1871). 102 Pol. Arch. A. A. Bonn, R 8462 (Bismarck an Reuss, 11. November 1871). 103 Ebenda (Schweinitz an Bismarck, 11. November 1871). 104 Ebenda (Schweinitz an Bismarck, 11. N ovember 1871). 105 Ebenda (Schweinitz an Bismarck, 11. November 1871). 106 Schweinitz: Denkwürdigkeiten. Bd. 1, S. 293. 268