Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 44. (1996)

BENL, Rudolf: Das Heidelberger Monarchentreffen von 1815 im Spiegel eines zeitgenössischen Briefes

Rudolf Beni nur etwa 9000 Einwohner, etwa 300 Studenten studierten an der Universität2. Das Ereignis von 1815 hat schon die zeitgenössischen Heidelberger bewegt und findet auch in den heute gängigen Büchern zur Geschichte und zur Stadtgestalt Heidelbergs Erwähnung3. Das herausragendste Zeugnis des Widerhalls, den das Hauptquartier in Hei­delberg selbst erweckt hat, ist ein Büchlein aus der Feder Friedrich Dittenber- gers, des Stadtpfarrers an der Heidelberger evangelisch-lutherischen Pfarrkirche Providenz, das noch 1815 in Heidelberg bei Mohr und Zimmer unter dem Titel „Die Kaiser in Heidelberg“ erschienen ist4 5. Der Verfasser gestaltet seinen Be­richt als eine Folge von 16 Briefen an „meinen lieben Schwager den Oberkir­chenrath und Cabinetsprediger D. L. F. Schmidt in München“. Diese - wohl weitgehend fingierten - Briefe tragen Daten vom 12. Juni 1815 bis zum 28. Juni 1815. Dittenbergers den Ereignissen nahe Darstellung schäumt im Anblick der Monarchen, die Heidelberg die Ehre gaben, vor Begeisterung über und gerät auf mehr als einer Seite in die Nähe eines Zeugnisses triefender Ergebenheit. Karl Philipp Kayser (1773-1827), als zweiter reformierter Lehrer am Heidelberger Gymnasium in alten Sprachen unterrichtend, Privatdozent an der Universität sowie Sekretär der Universitätsbibliothek, ein in seiner Jugend von den Gedan­ken der Revolution erfüllt und bewegt gewesener, mittlerweile jedoch abgeklär­ter Mann, hielt in seinem Tagebuch Einzelheiten über das Monarchentreffen fest, die in manchem über Dittenberger hinausgehen und sich gegenüber dessen Darstellung dadurch auszeichnen, daß sie des „heiligengeschichtlichen“ An­strichs fast ganz entbehren!. Mehr ein Denkmal der Anteilnahme auch des ein­2 U n i v e r s i t ä t s - und Ad d r e ß - C a 1 e n d e r von Heidelberg auf das Jahr 1816. Heidel­berg o. J. [1815], S. 152: 8983 Einwohner; Weisert, Hermann: Die Verfassung der Universität Heidelberg. Überblick 1386-1952. Heidelberg 1974, S. 150: 307 Studenten im Sommersemester 1815. 3 Benz, Richard: Heidelberg. Schicksal und Geist. Konstanz-Lindau-Stuttgart 1961, seitdem viele Auflagen, S. 363-371; Heinemann, Günter: Heidelberg. München 2. Aufl. 1984, S. 217, 390 f., 466 f. Eine wissenschaftliche Darstellung mit Schwerpunkt auf den russischen Bezügen hat zuletzt Helmut Neubauer geboten: Alexander I. in Heidelberg - 1815 in Rußland und Deutschland. Festschrift Georg von Rauch zur Vollendung seines 70. Lebensjahres. Stuttgart 1974 (Kieler Historische Studien 22), S. 160-170. 4 Dittenberger, Fr.: Die Kaiser in Heidelberg. Heidelberg 1815. Dittenberger ist die für Neu­bauer Alexander I. wesentliche Quelle, ln dem Universitäts- und Addreßkalender findet sich S. 29- 42 ein Bericht über den Aufenthalt des Hauptquartiers und die Truppendurchmärsche mit ins einzel­ne gehenden Angaben über die Truppenverbände. Dieser Bericht, dessen Verfasser nicht genannt ist, könnte ebenfalls von Dittenberger sein. Übereinstimmungen im Stil usw. legen diese Vermutung na­he. Schon Weber, Georg: Heidelberger Erinnerungen. Am Vorabend der Fünften Säkularfeier der Universität. Stuttgart 1886, S. 133, meint zu Dittenbergers Buch: „Die Sprache kommt uns heutzu­tage fremdartig vor“. In Webers Buch, das bei Neubauer Alexander I. nicht berücksichtigt ist, findet sich auf S. 127-134 und S. 142 einiges zum Hauptquartier, besonders zu Alexander. 5 Schneider, Franz (Hrsg.): Aus gärender Zeit. Tagebuchblätter des Heidelberger Professors Karl Philipp Kayser aus den Jahren 1793 bis 1827. Karlsruhe 1923, S. 81-84. Schneider hat nur Teile aus den Tagebüchern Kaysers herausgegeben. Alle 15 Bände der Tagebücher werden heute als Nachlaß K. Ph. Kayser im Stadtarchiv Heidelberg verwahrt. Kayser wurde 1819 außerordentlicher Professor an der Universität Heidelberg und 1820 erster protestantischer Lehrer und alternierender 76

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