Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 44. (1996)

ANGELOW, Jürgen: Der Zweibund zwischen politischer Auf- und militärischer Abwertung (1909-1914). Zum Konflikt von Ziel, Mittel und Struktur in Militärbündnissen

Jürgen Angelow keine effizienten Strukturen. So entsprachen die militärischen Potentiale und Rüstungen beider Zweibundpartner nach 1908/09 immer weniger dem offensi­ven Zweck des Bündnisses. Zwar bemühten sich die beiden verbündeten Gene­ralstäbe um weitgehende und verstärkte Rüstungsanstrengungen, konnten diese gegen den Widerstand der „Traditionalisten“ aber nur partiell durchsetzen. In Österreich-Ungarn scheiterten notwendige Heeresverstärkungen und technische Verbesserungen zudem an den begrenzten Möglichkeiten der Staatsfinanzen und der dualistischen staatsrechtlichen Konstruktion der Monarchie. Dieses struktu­relle Defizit stand in einem deutlichen Gegensatz zu den seit 1909 deutlich ver­besserten sicherheitspolitischen Mitsprachemöglichkeiten der Donaumonarchie im Zweibund. Dazu kam, daß die nach 1909 weiterhin unabhängig voneinander entwickelten militärisch-operativen Planungen beider Partner überspannt irreal und auseinanderlaufend blieben. Sie wurden zum einen von strategischen Grundüberlegungen und Schwerpunktsetzungen geleitet, die sich nicht mitein­ander in Übereinstimmung bringen ließen. Angesichts der unterlegenen Res­sourcen beider Zweibundpartner gegenüber den Staaten der Entente wirkten andererseits technische und temporäre Zwänge immer stärker auf politische Entscheidungen zurück. In Bezug auf die militärische Situation des Bündnisses vor Kriegsausbruch kann von überzeugenden militärisch-technischen Lösungen nicht mehr gesprochen werden. Das lag gewiß auch an der unzureichenden Qualität der seit 1909 wieder intensivierten Kommunikationen zwischen beiden Generalstäben, die von unterschiedlichen Interessenlagen, gegenseitigem Miß­trauen, mangelnder Kritik und Unaufrichtigkeit geprägt waren. Zwar hat es im Zweibund auch bescheidene Ansätze einer militärischen Integration gegeben, doch auch diese entsprachen keineswegs der politischen Bedeutung des Bünd­nisses seit 1909. Am Vorabend des Ersten Weltkrieges bestand ein Konflikt zwischen ausgeweiteten und auseinanderlaufenden politischen Bündniszielen einerseits sowie einer weitgehend traditionalen militärischen Struktur und unzu­reichenden militärischen Mitteln andererseits. Dieser Konflikt führte zum miß­lungenen Aufmarsch der Mittelmächte 1914. Er steigerte sich im Krieg bis zu ihrer Niederlage. 74

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