Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 44. (1996)

ANGELOW, Jürgen: Der Zweibund zwischen politischer Auf- und militärischer Abwertung (1909-1914). Zum Konflikt von Ziel, Mittel und Struktur in Militärbündnissen

Der Zweibund zwischen politischer Aufwertung und militärischer Abwertung dagegen zu opponieren. Im Mai 1900 hatte Schließen Reichskanzler Chlodwig Fürst zu Hohenlohe-Schillingsfürst informiert, daß der Erfolg eines Zweifron­tenkrieges davon abhänge, daß Deutschland seine militärischen Operationen nicht durch internationale Abkommen einschränken lasse. Weder Hohenlohe, noch nach ihm Bülow oder Theobald von Bethmann-Hollweg äußerten dagegen Einwände107. Es ist eine erstaunliche Tatsache, daß kein Reichskanzler jemals die politischen Konsequenzen des Schlieffenplanes mit dessen Urheber oder seinem Nachfolger diskutiert hatl0S *. Ein anderes Problem lag in der unbekümmerten Gleichgültigkeit gegenüber dem britischen Eingreifen. Dem deutschen Generalstab blieb der Umschwung der britischen Militärstrategie für Europa bis Januar 1906 nicht verborgen, als im Zusammenhang mit der Marokkokrise ein britischer Entlastungsangriff zur Unterstützung der französischen Armee geplant wurde,09. Dennoch unterschätz­te Berlin den Willen und die Möglichkeit Großbritanniens, den Franzosen ef­fektiv zu helfen. Nach seiner Verabschiedung beurteilte Alfred Graf Schlieffen im Februar 1906 in einem Zusatzmemorandum zu seiner Dezemberdenkschrift von 1905 die operativen Möglichkeiten einer britischen Expeditionsarmee sehr skeptisch110. Der deutsche Militarattaché in London, Graf von der Schulenburg, freute sich 1905, den Briten im Ernstfall „einen Empfang zu bereiten, an den sie noch Jahrhunderte zurückdenken werden“111. Schlieffens Nachfolger, Moltke d. J., verstieg sich gar, die Warnung vor dem Kampfwert des englischen Expe­ditionskorps mit den Worten zu quittieren: „Die arretieren wir“112. Am 31. Dezember 1905 trat Alfred Graf Schlieffen als Chef des Generalstabs zurück. Im Grunde war er an einer unlösbaren Aufgabe gescheitert. Aus der beengten sicherheitspolitischen Situation des Reiches nach 1890 konnte keine offensive Militärplanung führen, sondern nur eine deutlich korrigierte Politik. Zum politischen Versagen kam das militärische. Schlieffen hinterließ dem Reich nicht nur einen abenteuerlichen Kriegsplan, der die eigenen Potentiale und Res­sourcen überbeanspruchte, sondern auch einen unkritisch gewordenen General­stab, der unter seiner Leitung deutliche Züge von Autoritätsgläubigkeit und Diskursunfähigkeit angenommen hatte. Ursprünglich wurde der Rücktritt Schlieffens mit dessen Eintreten für einen Präventivkrieg 1905 in Verbindung Ritter: Der Schlieffenplan, S. 96-102; Turner: The Significance of the Schlieffen Plan, p. 199-221. Aron, Raymond: Clausewitz. Den Krieg denken. Frankfurt am Main-Berlin-Wien 1980, S. 364. Vgl. M[a]cDermott,J.: The Revolution in British Military Thinking from the Boer War to the Moroccan Crisis. In: Kennedy, Paul M. (Ed.): The War Plans of the Great Powers 1880-1914. Lon­don 1979, p. 99-117; R i 11 e r : Der Schlieffenplan, S. 73. 110 Zusatzmemorandum Alfred Graf von Schlieffens, Februar 1906 siehe Ritter: Der Schlieffenplan, S. 175-178. 111 Zit. nach Ritter: Der Schlieffenplan, S. 74. 112 T i r p i t z, Alfred von: Erinnerungen [1864-1918], Leipzig 1919, S. 251 und S. 456; Gr o e n e r, Wilhelm: Lebenserinnerungen. Jugend, Generalstab, Weltkrieg [1867-1918], hrsg. von Friedrich Frhr. v. Gaertringen. Mit einem Vorwort v. Peter Rassow. Göttingen 1957 (Deutsche Geschichts­quellen des 19. und 20. Jahrhunderts 41), S. 160. 57

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