Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 44. (1996)

ANGELOW, Jürgen: Der Zweibund zwischen politischer Auf- und militärischer Abwertung (1909-1914). Zum Konflikt von Ziel, Mittel und Struktur in Militärbündnissen

Der Zweibund zwischen politischer Aufwertung und militärischer Abwertung Lichnowsky, der den Verzicht auf politisch-militärische Eingriffe und satt des­sen eine Konzentration auf wirtschaftliche Interessen empfahl13. Doch Lichnowsky konnte mit seinen Vorstellungen nicht durchdringen, sein Einfluß blieb zu gering. Eine konsequente innere Reformpolitik hätte nicht nur zum Abbau des inneren Problemstaus geführt, sondern auch die Basis für eine Annä­herung an die Westmächte geboten, die unter Reichskanzler Theobald von Bethmann-Hollweg in der Detentepolitik gegenüber Großbritannien bereits ei­nen schwachen, wenn auch unübersehbaren Ansatz besaß. Mit der völkerrechtlichen Ausweitung des Bündnisfalles 1909 ging eine qua­siparlamentarische Bestätigung des Zweibundes einher. Bereits 1879 hatte Bis­marck die Absicht, das Bündnis durch Mitteilung an die Reichsvertretungen in Berlin, Wien und Budapest gesetzlich zu fixieren. Dieser Vorschlag war von Gyula Graf Andrássy damals jedoch unter Hinweis auf die streng völkerrechtli­che Auslegung des Vertrages abgelehnt worden. Erst viele Jahre später nahm Bismarck die europäische Krise von 1885-1888 zum Anlaß, die parlamentari­sche Vertiefnng des Bündnisses einzuleiten: Zunächst hatte der deutsche Reichskanzler am 3. Februar 1888 gleichzeitig in Berlin, Wien und Budapest Auszüge des Zweibundvertrages zur Einschüchterung der russischen Öffentlich­keit abdrucken lassen. Drei Tage später, am 6. Februar führte er in einer fulmi­nanten Rede vor dem Reichstag aus: „Mit unseren Bundesgenossen einigen uns nicht nur Stimmungen und Freundschaften, sondern die zwingendsten Interes­sen des europäischen Gleichgewichts und unserer eigenen Zukunft.“ An die Abgeordneten gewandt, formulierte er weiter: „Und deshalb glaube ich: Sie werden die Politik Sr. Majestät des Kaisers, die das publicirte Bündnis abge­schlossen hat, billigen, obschon die Möglichkeit eines Krieges dadurch verstärkt wird“14. Im Falle eines Angriffs würde „das ganze Deutschland von der Memel bis zum Bodensee wie eine Pulvermine aufbrennen und von Gewehren starren, und es wird kein Feind wagen mit diesem furor teutonicus, der sich bei dem Angriff entwickelt, es aufzunehmen“15. Die Deutschen, so Bismarck, könnten „durch Liebe und Wohlwollen leicht bestochen werden - vielleicht zu leicht aber durch Drohungen ganz gewiß nicht! Wir Deutsche fürchten Gott, aber sonst Nichts in der Welt“16. Der Versuch, die Parlamente für ein Bündnis zu gewinnen, das 1879 ganz im Stile der alten Kabinettspolitik abgeschlossen worden war, kann als ein weiteres Element des Prozesses der Abkehr von der traditionellen Bündnispolitik ver­standen werden. Unter den Bedingungen der politisierten Gesellschaft des be­ginnenden 20. Jahrhunderts war es generell nicht mehr zu umgehen, daß außen- und sicherheitspolitische Entscheidungen öffentlich diskutiert wurden. Deshalb 13 V e r o s t a : Theorie und Realität von Bündnissen, S. 408-421. 14 Zit. nach [Bismarck, Otto Fürst von:] Die politischen Reden des Fürsten Bismarck, besorgt v. Horst Kohl. Neudr. der Ausg. Stuttgart 1894. Bd. 12. Aalen 1970, S. 440-478, hier S. 467. 15 Bismarck: Die politischen Reden, S. 472. 16 Ebenda, S. 477. 31

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