Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 44. (1996)

ANGELOW, Jürgen: Der Zweibund zwischen politischer Auf- und militärischer Abwertung (1909-1914). Zum Konflikt von Ziel, Mittel und Struktur in Militärbündnissen

Der Zweibund zwischen politischer Aufwertung und militärischer Abwertung Absprachen seit 1882 noch keine Veränderung der politischen Ausrichtung des Bündnisses verbunden. Erst die außenpolitische Hilfestellung Deutschlands für Österreich-Ungarn nach der Annexion Bosnien-Herzegowinas im Oktober 1908, vor allem aber der Briefwechsel der beiden Generalstabschefs - der vom deut­schen Reichskanzler Bernhard von Bülow und vom österreichisch-ungarischen Außenminister Aloys Lexa Freiherr von Aehrenthal inspiriert und mitgelesen wurde - schufen einen Wandel im völkerrechtlichen Sinne. Dabei markierte die Formulierung des deutschen Generalstabschefs Helmuth von Moltke d. J. gegen­über seinem österreichisch-ungarischen Kollegen Franz Freiherr Conrad von Hötzendorf vom 21. Januar 1909: „Ich glaube, daß erst der Einmarsch Öster­reichs in Serbien ein eventuelles aktives Einschreiten Rußlands auslösen könnte. Mit diesem würde der casus foederis für Deutschland gegeben sein“, einen Zu­satzvertrag zum ursprünglich defensiven Beistands- und Ncutralitätsvertrag von 18793. Dieser qualitative Wandel der politischen Seite des Zweibundes gegen seine urspüngliche Anlage von 1879 wurde von der historischen Forschung bisher nur unzureichend berücksichtigt4. Jedoch finden sich bereits in den politischen Kontroversen der Vorkriegs- und Kriegszeit erste Hinweise darauf, daß das Bündnis der beiden Monarchien durchaus nicht als starr und unveränderlich betrachtet wurde. Bereits Anfang Dezember 1914 vermutete Otto Hoetzsch, Professor für Osteuropäische Ge­schichte an der Berliner Universität, daß die aktive Balkan- und Örientpolitik Österreich-Ungarns seit 1908 und das unbedingte Eintreten Deutschlands zu­gunsten dieser ein Ausgangspunkt für den Ersten Weltkrieg gewesen sei: „Unzweifelhaft ist der Zweibund, der jetzt die Feuerprobe zu bestehen hat, im Wesen gegen seine Bismarcksche Anlage verändert, ohne das seine Struktur dieser Veränderung gefolgt wäre.“5 Auch andere Historiker haben unterdessen die Wandlung des Zweibundes von einem Verteidigungs- in ein Angriffsbündnis gesehen6. Da die Motive und Ursachen dieser Deformation jedoch bis heute nicht gründlich untersucht sind, treten immer wieder Mißdeutungen und Fehlinterpre- tationen der Bündnispolitik vor 1914 auf. Zur historischen Sachlage bleibt zunächst festzuhalten, daß Deutschland sei­nem Verbündeten über die defensiven, 1879 getroffenen Bestimmungen hinaus 3 Verosta, Stephan: Theorie und Realität von Bündnissen. Heinrich Lammasch, Karl Renner und der Zweibund (1897-1914). Wien 1971, S. 345; Österreichisches Staatsarchiv, Kriegsarchiv Wien (in Hinkunft: KA Wien), Generalstab, Operationsbüro, Fasz. 737, fol. 215-222v. (Brief Moltkes an Con­rad vom 21. Januar 1909). 4 Vgl. Angelow, Jürgen: Vom .Bündnis' zum .Block'. Struktur, Forschungsstand und Problemlage einer Geschichte des Zweibundes 1879-1914. In: Militärgeschichtliche Mitteilungen 54 (1995), H. 1,S. 129-170. 5 Bundesarchiv Koblenz (in Hinkunft: B Arch Koblenz), Nachlaß Bernhard Fürst von Bülow (in Hinkunft: NL 16), Nr. 47, fol. 322-386, hier fol. 363. (Hoetzsch, Otto: Vertrauliche Gedanken über die politischen Ziele des Krieges. Ms., Anfang Dezember 1914). 6 Craig, Gordon Alexander: The Politics of the Prussian Army 1640-1945. Oxford 1955, S. 289; explizit auch Verosta: Theorie und Realität von Bündnissen, S. 345. 27

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