Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 44. (1996)
MALFER, Stefan Der Kampf um die slawische Liturgie in der österreichisch-ungarischen Monarchie – Ein nationales oder ein religiöses Anliegen? Mit einem unveröffentlichten Briefwechsel zwischen Papst Leo XIII. und Kaiser Franz Joseph I
DER KAMPF UM DIE SLAWISCHE LITURGIE IN DER ÖSTERREICHISCH-UNGARISCHEN MONARCHIE - EIN NATIONALES ODER EIN RELIGIÖSES ANLIEGEN ? Mit einem unveröffentlichten Briefwechsel zwischen Papst Leo XIII. und Kaiser Franz Joseph I. von Stefan Malfér Einleitung Im Jahre 863 sandte der byzantinische Kaiser Michael III. die beiden aus Thessalonike stammenden Brüder Konstantinos (Kyrillos) und Methodios zur Mission ins Großmährische Reich. Im Zug ihrer Missionsarbeit entwickelten die gelehrten Brüder eine eigene slawische Schrift und übersetzten gottesdienstliche Texte in die slawische Sprache. Dies stieß auf den Widerstand der von Salzburg ausgehenden lateinischen Mission. Die Brüder bemühten sich daraufhin, beim Papst in Rom die slawische Liturgie bestätigen zu lassen, was Papst Hadrian II. gewährte. Diese slawisch-christliche Inkulturation war ein Vorgang von allergrößter Bedeutung Das große Schisma von 1054 zwischen Rom und Konstantinopel, also zwei Jahrhunderte später, hatte zur Folge, daß die von Byzanz aus christianisierten Slawen zur „orthodoxen“, von Rom getrennten Kirche kamen. Indessen hatte der Gebrauch des Slawischen auch in einigen Diözesen in Westkroatien, Istrien und Dalmatien mit lateinischem Ritus - mit päpstlicher Erlaubnis - Verbreitung gefunden. Hier wurde die Messe im lateinischen Ritus in altslawischer Sprache (Kirchenslawisch) gelesen, wobei die liturgischen Bücher im sogenannten glagolitischen Alphabet geschrieben waren. Obwohl der Gebrauch dieser Liturgie im Lauf der Jahrhunderte abnahm, da und dort vergessen, z. T. auch verboten wurde, war das Privileg der Verwendung der „slawischen Liturgie“ in der römisch-katholischen Kirche als örtliches Privileg in einigen westkroatischen Diözesen in der Mitte des 19. Jahrhunderts aufrecht1 2. 1 Siehe dazu Plank, Peter: Die geschichtliche Entwicklung der orthodoxen Kirchen im Südosten und Osten Europas. In: Handbuch der Ostkirchenkunde. Bd. 1, hrsg. von W. Nyssen, H. J. Schulz und P. Wiertz. Düsseldorf 1984, S. 133-223, hier S. 136 f. (mit weiteriuhrender Literatur). 2 Zur Geschichte des Glagolismus siehe die Literaturangaben bei Vitézié, Ivan: Die römisch- katholische Kirche bei den Kroaten. In: Die Habsburgermonarchie 1848-1918, hrsg. von Adam 165