Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 44. (1996)

KOWALSKÁ, Eva: Dokumente aus dem Nachlaß von Johann Ignaz von Felbiger

Eva Kowalská Während dieser Zeit organisierten sie eine internationale Kampagne gegen Felbigers Schulmodell und unterzogen das Intitut der Normalschulen, ih­re Methodik und vor allem die Lehrbücher einer scharfen Kritik12. Felbiger war sich bewußt, daß dieser Angriff ihn in den Augen Josephs II. dis­kreditierte und der Möglichkeit enthob, den Verlauf der Schulreform in der Monarchie weiterhin zu beeinflussen13. Die Studienhofkommission, die zum Zentralorgan für die Leitung des Volksschulwesens wurde14, bemühte sich aus den Entscheidungen über Grundsatzfragen die Vertreter der katholischen Kir­chenhierarchie zu eliminieren, die ein Hindernis für die Verständigung mit den Protestanten darstellten. Nach Beendigung der Pause führte in den Sitzungen der gemischten Kommission alle Verhandlungen mit den Protestanten nur noch Gottfried van Swieten, der einerseits die Idee der Unterstellung des gesamten Schulwesens unter den Staat vertrat15, andererseits auch dank seiner persönli­chen Kontakte das Vertrauen eines Teils der Vertreter der Protestanten erwarb. Es gelang ihm das u. a. durch die Initiierung von Veränderungen auf den höch­sten Posten der Schulverwaltung in Ungarn, wo Menschen aus seinem Kreis einflußreiche Positionen erhielten (z. B. der Protestant Gabriel Prónay, der Cal­vinist Ferenc Kazinczy). Felbigers Einfluß begrenzte sich definitiv auf Randfra­gen der Leitung des Schulwesens: sein Name wird mehrere Male im Zusam­menhang mit der Revision der Volksschullehrbücher bzw. mit der Auswahl von Kandidaten für die Stellen in der ungarischen Schulverwaltung genannt16 17. Felbiger war sich der Situation bewußt, in die er infolge der Änderung der Schulpolitik auf höchster Ebene geraten war. Obwohl er sich in seinen Arbeiten um die Ausgeglichenheit in den pädagogischen Haltungen zu den Schülern bemühte, ihre Anwendung blieb auf dem Niveau einer mechanischen Applika­tion n. Die Anregungen der Pädagogik des deutschen Philanthropismus brachten die Überlegungen über methodische und theoretische Aspekte des Elementar­12 [Anonym]: Freymuthige Beurtheilung der österreichischen Normalschulen und aller zum Behuf derselben gedruckten Schulschriften. Berlin-Stettin 1783; Nicolai, Friedrich: Be­schreibung einer Reise durch Deutschland und die Schweiz im Jahre 1781, nebst Bemerkungen über Gelehrsamkeit, Industrie, Religion und Sitten. Berlin 1784, Bd. 4, S. 645-671. 13 Siehe Felbigers Darstellung in der Bittschrift an Joseph II., Anhang Nr. 5. Ähnlich auch [Felbiger, Johann Ignaz:] Anekdoten zur Geschichte des Angriffes und der Vertheidigung der Normalschulen in den kaiserlich-königlichen Staaten. Frankfurt und Leipzig 1784, S. 16-20. Hinter der ganzen Aktion vermutete er vor allem den Kreis der Protestanten in Preßburg. Das Schriftstück befindet sich in den Beständen der Széchényi-Bibliothek in Budapest. 14 Beobachtern zufolge geschah das überraschend schnell - schon im Jahre 1780. Dazu Professor Mayer in einem Brief an F. Nicolai vom 11. Dezember 1781. Staatsbibliothek Preußischer Kultur­besitz, Berlin, Handschriftliche Abteilung, F. Nicolai: Briefwechsel, 48. Die Datierung des Briefes stimmt mit der Beauftragung Felbigers überein, sich Fragen der Schulreform in Ungam zu widmen. 15 Über das Wirken von G. van Swieten: Wangermann, Emst: Aufklärung und staatsbürgerliche Erziehung. Gottfried van Swieten als Reformator des österreichischen Unterrichtswesens 1781-1791. Wien 1978. 16 Magyar Országos Levéltár Budapest [in Hinkunft: MOL Budapest], C 69, 1785, Sehol. Nat., fons 1, pos. 2, föl. 1-3, bzw. ibidem, pos. 18-19, fol. 26. 17 Dazu Krömer: Felbiger, S. 246-249. 148

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