Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 44. (1996)
KOWALSKÁ, Eva: Dokumente aus dem Nachlaß von Johann Ignaz von Felbiger
DOKUMENTE AUS DEM NACHLASS VON JOHANN IGNAZ VON FELBIGER von Eva KowalskA Das Archiv des Domkapitels zu Bratislava (Preßburg), verwahrt und verwaltet im Slowakischen Nationalarchiv, enthält bisher unbekannte bzw. nur flüchtig erwähnte, jedoch nichtzitierte Dokumente aus dem Nachlaß von Johann Ignaz von Felbiger. Die Autoren, die sich dem Leben und Werk des Reformators des Volksschulwesens europäischen Formats näher widmeten, beendeten gewöhnlich die eingehende Information über sein Leben mit dem Jahr 1780, als er nach dem Tod Maria Theresias angeblich bei Joseph II. in Ungnade gefallen und gezwungen war, nach Preßburg zu gehen und sich zurückzuziehen1. Meine Nachforschungen in dem genannten Archiv sowie in den Beständen des Ungarischen Königlichen Statthalterrates in Buda (verwahrt im Ungarischen Landesarchiv in Budapest) und der handschriftlichen Sammlung in der Széchényi Bibliothek in Budapest bewegten mich jedoch zu einer Korrektur dieser Hypothese. Die zugänglichen Quellen verweisen darauf, daß Felbiger direkt im Aufträge Maria Theresias und später auch Josephs II. in Ungarn eine ähnliche Rolle spielen sollte, wie er sie in Böhmen und den österreichischen Erbländern innegehabt hatte: in seiner Wirkungsstätte in Preßburg sollte er sich an der Vereinheitlichung des Systems der Volksschulbildung im Rahmen der gesamten Monarchie beteiligen2. Nur hier konnte er einen unmittelbaren Kontakt zu dem ungarischen Milieu gewinnen, wobei die Erteilung eines der bedeutendsten Kirchenränge Ungarns die Garantie für sein Ansehen und seine Akzeptanz sein sollte3. Scheinbar rechnete man mit Felbiger auch für die beabsichtigten Verhandlungen mit den ungarischen Protestanten hinsichtlich der Unterordnung ihres Schulwesens unter die staatliche Verwaltung, da seine Kontakte und Inspirationen für das deutsche protestantische Schulwesen sowie die gemäßigte tolerante Haltung gegenüber Nichtkatholiken allgemein bekannt war. 1 Engelbrecht, Helmuth: Geschichte des österreichischen Bildungswesens. Wien 1984, Bd. 3, S. 118 und 127; H o r n Melton, James van: Absolutism and the Eighteenth-Century Origins of compulsory Schooling in Prussia and Austria. Cambridge 1988, S. 229f.; Krämer, Ulrich: Johann Ignaz von Felbiger. Leben und Werk. Freiburg-Basel-Wien 1966, S. 20 f. 2 Siehe Anhang Nr. 4. 3 Damit Felbiger seine Aktivität in Ungam entfalten konnte, mußte er zunächst das hiesige Indigenat erwerben. Maria Theresia bestätigte es feierlich am 23. Oktober 1778, zusammen mit der Ernennung zum Probst. Siehe Anhang Nr. 3. 145